Nachhaltige Mobilität (nicht nur) im Blauen Ländchen stärken

Nachhaltige Mobilität im Blauen Ländchen stärken

Jeder kann etwas tun: Pfarramt für Gesellschaftliche Verantwortung zeigt in Nastätten praktische Beispiele zur Einsparung fossiler Brennstoffe

 NASTÄTTEN/RHEIN-LAHN. (6. Januar 2020) Auch wenn Klimaschutz-Aktivistin Greta Thunberg nicht pünktlich zum Weltklimagipfel in Madrid erschien: „Diese junge Frau hat einiges bewegt“, sagt Matthias Metzmacher, Pfarrer für gesellschaftliche Verantwortung im evangelischen Dekanat Nassauer Land. Im Gemeindehaus der Nastättener Kirchengemeinde geht es um kleinere Entfernungen als die zwischen Chile und Madrid. „Von A nach B im Blauen Ländchen“ ist der Abend überschrieben, zu dem Metzmacher Thomas Schwab von der Energiegenossenschaft Oberes Mühlbachtal (EGOM) in Strüth und den Revierförster Martin Janner als Referenten begrüßt. Die machen deutlich: Das Verhalten jedes einzelnen Menschen beeinflusst das weltweite Klima.

Nastätten sei ja noch ganz gut an den Öffentlichen Personennahverkehr angebunden, beginnt Metzmacher, „aber in kleineren Orten im Kreis wird das schwierig“, stellt der Theologe fest und propagiert kleine und kleinste Schritte auf dem Weg zu mehr nachhaltiger Mobilität; eine „Mitfahrerbank“ etwa, wie er sie in Becheln entdeckt hat. „Wenn da einer draufsitzt, würde ich auch anhalten und fragen, ob die Person mitfahren möchte.“

Dann schildert er die Erfahrungen, die zunächst er allein, dann die Mitarbeitenden im Dekanat sowie in den Sozialstationen mit einem von der EGOM geleasten Elektro-Auto ein Jahr machen. 7000 Kilometer hat das Gefährt in den ersten neun Monaten zurückgelegt. Dazu gehört Negatives, wie die teuren Anschaffungskosten oder die wenigen Lademöglichkeiten im Rhein-Lahn-Kreis, wobei neue in Nastätten und Miehlen hinzu kommen sollen; und er schildert das Positive, wie etwa der geringe Energie-Verbrauch. Ein E-Auto, das ungefähr 10 Kilowattstunden auf 100 Kilometern verbraucht, entspricht etwa einem Liter Diesel für diese Entfernung. „Wir müssen weg von den fossilen Brennstoffen“, so Metzmacher, dem dabei die gesamte Schöpfung als Grundlage fürs Miteinander von Natur und Lebewesen am Herzen liegt. Die jungen Menschen seien Antreiber und Motivation für die Aufforderung „Tu’s gleich!“

Ein flammendes Plädoyer für eine Veränderung im Verhalten jedes Einzelnen hält Martin Janner. Aus bitterer Erfahrung: „Was ich in den vergangenen 20 Jahren angestoßen habe, ist in den letzten zwei Jahren schlichtweg vertrocknet“, erzählt der erfahrene Revierförster aus Oberwallmenach. Er appelliert, dass jeder etwas tut und nicht nur auf „die Politik“ zeigt. „In einer Demokratie sind wir alle die Politik.“ Wie abwegig das Verhalten von Autobesitzern ist, verdeutlicht sein Blick in die Logistik. Ein Spediteur, der viermal am Tag zwei Tonnen Ladung von Nastätten nach Mainz transportieren muss, käme nie auf die Idee, sich dafür einen 12-Tonner anzuschaffen, nur weil er einmal im Jahr zwölf Tonnen nach Rosenheim fährt; dafür werde er sich ein Fahrzeug leihen. „Aber wir schaffen uns PS-starke Kombis an, in die Familie, Koffer, Fahrrad und Hund reinpassen, um täglich 40 bis 50 Kilometer mit Laptop und Aktentasche darin unterwegs zu sein.“

Einen großen Pick-Up besitzt er immer noch, aber in den vergangenen Monaten hat er für die Fahrten durch seine sieben Ortsgemeinden mit 1500 Hektar Wald vor allem ein mit zwei Batterien betriebenes Lastenfahrrad benutzt, das für seine Akten im Hartschalen-Koffer oder auch zwei Kasten Wasser, den Hund oder Sohn vollkommen ausreiche. Janner: „Das haut hin!“ Die längste Strecke waren fast 80 Kilometer, die er an einem Tag damit gefahren ist. Das sei nicht nur gesünder, sondern spare auch irre Zeit; erst Recht in größeren Städten. Nicht von ungefähr sponserten Mainz und Wiesbaden etwa den Kauf von Transport-Bikes, um sie von Parkplatz suchenden Einkäufern zu entlasten.

„Ich kann andere Menschen nicht verändern; nur ich kann mich verändern“, ist Thomas Schwab überzeugt. Die praktische Anschauung sei dabei wichtig, um Menschen ins Gespräch und zum Handeln zu bringen; wenn der Nachbar etwa frage „wie machst du das mit den Solarzellen auf Deinem Dach?“. Der EGOM-Vorstand informiert über die drei Säulen der Genossenschaft: Photovoltaik, Bürgerstrom und E-Carsharing. Schwab erinnert an die Dynamik des technischen Wandels. Vor 25 Jahren habe kaum ein Buchhändler geglaubt, dass sich der Brockhaus einmal nicht mehr verkauft.

Heute könne ein einziges Car-Sharing-Fahrzeug bis zu einem Dutzend Privatfahrzeuge ersetzen. „Nutzen statt besitzen“ laute die Zukunft. Aber nicht nur im Straßenverkehr sieht der Ingenieur nachhaltigen Handlungsbedarf. „Was wir in Deutschland an fossiler Energie importieren, ist der Wahnsinn“, nennt er die Zahl von 100 Milliarden Euro. Von der regionalen Wertschöpfung durch den Bezug von hundertprozentigem Ökostrom profitiere dagegen nicht nur das Klima, sondern auch die Region. Und das demokratische Prinzip des Bürgerstroms sei zudem transparenter; „die Akzeptanz ist größer wenn wir die Bürger mitnehmen“. Bernd-Christoph Matern

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Warben für nachhaltige Mobilität im Blauen Ländchen (von rechts): Revierförster Martin Janner mit seinem Elektro-Lastenfahrrad, EGOM-Vorstand Thomas Schwab und Pfarrer Matthias Metzmacher. Foto: Matern

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