RHEIN-LAHN. Den Alkoholkonsum zu reduzieren, das Bewusstsein für die Problematik zu vergrößern und die Stigmatisierung von Menschen mit Alkoholproblemen zu überwinden – das sind nur einige Ziele der bundesweiten Aktionswoche mit dem Titel „Alkohol – Verantwortung setzt Grenzen“ vom 14 bis 18. Juni. Mit einer Telefonaktion begleiten die Interessengemeinschaft der Suchtselbsthilfegruppen und das Diakonische Werk Rhein-Lahn bereits ab Montag, 11. Juni, die Aktion. Wir sprachen mit Iris Buchmann, Mitarbeiterin der Fachstelle für Suchthilfe beim Diakonischen Werk in Bad Ems und Koordinatorin der Aktion.
Wo beginnt die Alkoholsucht?
Wenn das Trinken zur Gewohnheit wird. Dabei kommt es nicht unbedingt auf die Masse an, sondern eher auf den Verlust der Kontrolle, wenn man nicht mehr in der Lage ist, nach zwei Bier zu sagen: jetzt ist Schluss. Das Verhalten eines Menschen ändert sich, und meistens merken es alle um den Betroffenen herum, nur der Süchtige will es nicht wahrhaben.
Was können Angehörige tun, wenn sie das merken?
Angehörige können nur für sich etwas tun, sich vielleicht fragen, welchen Anteil sie an der Sucht haben. Da kann auch eine Selbsthilfegruppe Unterstützung leisten, m Anfang auch ein Anruf bei unserer Beratungsstelle, auch anonym. Der Betroffene selbst hat nur eine Chance, wenn er selbst den Willen hat, von der Sucht loszukommen. Ist der nicht vorhanden, wird er immer ablenken, wenn man versucht, das Thema anzusprechen. Manchmal habe ich hier auch Leute sitzen, die von ihrem Arbeitgeber vor die Entscheidung gestellt wurden, eine Therapie zu machen oder den Job zu verlieren.
Wie überwindet man die Angst, eine Beratungsstelle aufzusuchen?
Jeder, der hierher kommt, hat Angst. Das Wichtigste ist die Schweigepflicht, zu der ich verpflichtet bin. Darauf kann sich jeder Ratsuchende verlassen. Seit „Hartz IV“ ist die Angst übrigens noch deutlich gestiegen, weil viele Süchtige befürchten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, wenn sie sich einer Therapie unterziehen.
Wie können Sie helfen?
Es geht darum, das Selbstwertgefühl eines Süchtigen wieder aufzubauen. Jeder hat positive Kräfte in sich, die ich versuche, aufzubauen. Sucht hat zwei Seiten: eine körperliche und eine seelische. Erstere ist schnell in den Griff zu bekommen, aber die seelische Abhängigkeit ist weitaus schwieriger zu bewältigen. Im Mittelpunkt der Beratung, die natürlich kostenlos ist, steht, die Ursachen für die Sucht ausfindig zu machen. Als Berater kann man eine Therapie vermitteln, stationär oder auch ambulant. Hilfreich ist immer der Besuch einer Selbsthilfegruppe. Und dann geht es nicht nur um den Alkoholismus – da hängen noch eine Reihe weiterer Probleme dran: Trennung von Kindern oder Partnern, Überschuldung, Verlust von Wohnung und Arbeitsplätzen. Oft geht es um einen völligen Neuanfang fürs Leben. Und das ist schwierig – aber nicht unmöglich.
Gibt es auch bei Ihnen eine Grenze, wo Hilfe nicht fruchtet?
Wenn ich das Gefühl habe, es tut sich gar nichts, da dreht sich jemand wie auf einer Kuchenplatte im Kreis, beschäftigt alle Welt mit seinem Problem, will aber selbst gar nicht vorankommen, da kann es passieren, dass ich sag, „wenn Du irgendwann mit der Pulle unter freiem Himmel liegst, kannst Du mich noch mal anrufen“.
Gibt es eine Erfolgsquote?
Das ist schwer zu sagen, die Leute kommen ja freiwillig hierher. Ich betreue etwa 100 Klienten im Jahr, telefonisch, in der Beratungsstelle, auch durch Besuche zuhause. In einem Jahr suchen drei bis vier eine Therapie auf, mal sind es 15 bis 20. Mit manchen treffe ich mich regelmäßig, andere berate ich nur am Telefon.
Wie kann ein erster Schritt aussehen, die Angst vor der Hilfe zu überwinden?
Indem man mit dem Partner spricht oder einem Freund. Oder indem man zum Telefon greift, auch jetzt in der Beratungswoche – wenn gewünscht auch anonym. (bcm)
Täglich drei Stunden Beratung
An acht Abenden stehen Ansprechpartner der unterschiedlichen Suchthilfegruppen im Rhein-Lahn-Kreis jeweils von 19 bis 22 Uhr für Auskünfte und Beratung in Suchtfragen unter den folgenden Telefonnummern zur Verfügung:
Montag, 11. Juni, 0151/58125250 (Anonyme Alkoholiker St. Goarshausen),
Dienstag, 12. Juni, 06430/30114 (Guttempler-Gemeinschaft Lahnblick),
Mittwoch, 13. Juni, 0162/9637880 (DW Suchthilfegruppe Nastätten),
Donnerstag, 14. Juni, 0163/4525851 (DW Suchthilfegruppe Nastätten),
Donnerstag, 14. Juni, 02603/962339 (DW Suchthilfegruppe Bad Ems),
Freitag, 15. Juni, 02603/962339 (alle Suchthilfegruppen),
Samstag, 16. Juni, 02621/3585 (Suchthilfegruppe Lahnstein),
Sonntag, 17. Juni, 06776/464 (Suchthilfegruppe Bad Ems),
Montag, 18. Juni, 0170/6681291 (Freundeskreis Nassau).
