NIEDERWALLMENACH/RHEIN-LAHN. (14.Januar) 85 Jahre und kein bisschen „leise“: Adolf Krämer aus Niederwallmenach hat den abgewandelten alten Curd Jürgens-Schlager um ein Vierteljahrhundert übertroffen: Seit 60 Jahren spielt der musikalische Wirt die Orgel in der evangelischen Kirche von Niederwallmenach. Und er wird nicht müde, die steilen Stufen an seinen sonn- und feiertäglichen Arbeitsplatz empor zu steigen.
Kirchengemeinde und die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau ehrten Krämer jetzt für sein Jahrzehnte währendes Engagement. „Ich bewundere die Beharrlichkeit und Treue, mit der Sie Ihren Dienst ausgeübt haben und auch die Bereitschaft zum Verzicht, die zu dieser Treue gehört“, schrieb ihm Landeskirchenmusikdirektor Michael Graf Münster zum Dienstjubiläum. Heimischer Kirchenvorstand und Pfarrer Armin Himmighofen zeigten sich ebenso freudig und stolz über ihren treuen musikalischen Gottesdienstgestalter. Kein Wunder: allein im Dezember saß er 18 Mal an der Orgelbank der Kirchen in Niederwallmenach, Oberwallmenach und Reitzenhain.
Das musikalische Talent, das ihn zu Klavier, Flöte, Trommel, Tambor- und Dirigentenstab, Akkordeon und Orgel trieb, wurde Krämer in die Wiege gelegt. Vater und Onkel waren ebenfalls sehr musikalische Menschen. Ein gestrenger Lehrer brachte ihm vom neunten bis 14. Lebensjahr das Klavierspielen bei. Nach dem Krieg gründete er mit fünf Gleichgesinnten eine Tanzkapelle, die im heimischen Wirtshaus „Zur Sonne“ an jedem Wochenende für Stimmung sorgte. „Du musst am Sonntag die Orgel spielen“, kam der damalige Ortsbürgermeister Ernst Schmidt vor dem ersten Advent 1949 auf den damals 25-Jährigen zu. „Da war ich sehr aufgeregt, es gab in Niederwallmenach noch keine Liturgie nach der ich hätte spielen können.“
Die Premiere klappte ebenso reibungslos wie die unzähligen Gottesdienste, die in den vergangenen 60 Jahren folgten. Mehr und mehr verfeinerte der Pianist sein Pedalspiel, schrieb eine Liturgie und übernahm wenige Jahre später auch den Organistendienst in Oberwallmenach und Reitzenhain. An seinen ersten Auftritt dort erinnert er sich noch gut: „Dort sind die eigentlich schwarzen Tasten weiß – das war gewöhnungsbedürftig.“ Mindestens zwei Einsätze, an Feiertagen auch drei, hat er seitdem Sonntag für Sonntag. Seinen Eignungsnachweis als nebenamtlicher Organist absolvierte Krämer 1964.
Sechs Pfarrer hat er in seiner bisherigen Amtszeit erlebt. Je nach Predigtlänge und Straßenverhältnissen war es manchmal knapp, pünktlich an den aufeinander folgenden Einsatzorten zu sein. Und zu Zeiten, als er im heimischen Gasthof noch Tanzmusik machte, ging es oft nahtlos nach einer stärkenden Tasse Kaffee vom Tanzboden über das Vieh füttern rüber zur Orgelbank. „Einmal bin ich über dem Kaffee eingeschlafen und kam zu spät“, schmunzelt Krämer. Aber er habe sich ans Wort von Pfarrer Bolle gehalten: „Nur wer nix macht, macht auch nix verkehrt.“
Manchmal nahm er den Rhythmus mit ins Gotteshaus. Für den Oktobermarktumzug in Nastätten hatte er auf dem Königininstrument mal eine Ton-Kassette mit einem Paul-Lincke-Potpourri aufgenommen. „Ich hatte die Befürchtung, dass das nicht jedem gefallen könnte.“ Den Zugteilnehmern gefiel es sehr – es blieb nicht die einzige Kopie. Als im vergangenen Jahr seine Frau starb, intonierte er Frank Sinatras „My Way“ und das Operetten-Lied „Ich trag in meinem Herzen“ zur Erinnerung.
Ein guter Gottesdienst ist für Krämer einer, der sich musikalisch wie textlich aufs heutige Leben bezieht und nicht nur von alten Geschichten handelt. Das mag er auch an seinem neuen Pfarrer. Krämer: „Wer wie er der Lebenswirklichkeit der Menschen zugewandt predigt, zieht auch viele Leute in die Kirche, und dann macht auch das Orgelspielen die meiste Freude.“ Bernd-Christoph Matern
Bildunterzeile: Seit mehr als 60 Jahren einer der Lieblingsplätze von Adolf Krämer: die Orgelbank in der evangelischen Kirche von Niederwallmenach. Foto: Bernd-Christoph Matern
