RHEIN-LAHN. (10. November 2015) Während etwa in Dresden gestern Abend auf dem ehemaligen Adolf-Hitler-Platz laut schreiend und Fahnen schwenkend Ängste vor Ausländern und Muslimen geschürt und Fremdenhass gesät wurde, erinnerten mehr als 80 Bürgerinnen und Bürger in Miehlen an die Gräueltaten, zu denen solcher Hass (ver-)führen kann. Sie nahmen an einer Mahnwache teil, mit der die evangelische Kirchengemeinde Miehlen und die katholische Kirchengemeinde St. Peter und Paul gemeinsam der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 und deren Folgen einschließlich des Massenmords an sechs Millionen Juden gedachten. Und dabei handelte es sich in Miehlen nicht um Fremde, sondern die nächsten Nachbarn, an denen sich in der Nazi-Zeit der blinde Hass entlud.
"Wir sind nicht verantwortlich für das, was geschah, aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon!“, machte Lothar Bindczeck, Vorsitzender des katholischen Verwaltungsrats, in Anlehnung an den Satz eines KZ-Überlebenden deutlich, warum den Gemeinden das Erinnern so wichtig ist. „Und Sie zeigen mit ihrer Teilnahme, dass es ihnen auch Ernst damit ist.“ Die dramatische Nacht 1938 sei weder Anfang noch Höhepunkt der Judenverfolgung in der Nazi-Zeit gewesen; seit dem 30. Januar 1933 seien jüdische Mitbürger diskriminiert worden.
Immer alltäglicher sei der Terror geworden, an den es zu erinnern gelte. „Das tut Not angesichts des andauernden latenten und immer wieder konkreten Antisemitismus und extrem zunehmenden Ausländerhasses in Europa und auch bei uns.“ Die Erinnerung an diese dunkle Zeit dürfe nicht zwischen den Seiten dicker Geschichtsbücher verschwinden, sondern müsse für alle Zeiten „als Mahnung gegen Menschenverachtung, gegen Antisemitismus und gegen Gewalt gegen Menschen“ wachgehalten werden. Lebten 1925 noch 50 jüdische Bürger in der Mühlbachgemeinde, waren es 1938 nur noch mindestens sechs.
Nach einer Schilderung der Geschehnisse in der Pogromnacht, in der Geschäfte und die Synagoge in Miehlen zerstört und jüdische Bürger verprügelt wurden, verlas Gemeindereferent Gernot Caspar die Namen der später ermordeten, einst in Miehlen wohnhaften Juden. Gemeindepfarrer Michael Wallau las und sang Gebete und Psalmen in deutscher und hebräischer Sprache und zitierte das Gedicht eines Achtjährigen, der das KZ Bergen-Belsen überlebte und las aus den Aufzeichnungen vor, mit der eine Jüdin nach Kriegsende an die Befreiung aus einem Zug durch amerikanische Soldaten erinnerte. Mit einem Gebet, Ängste und Misstrauen zu überwinden, endete die Mahnwache, während der auch dieses Jahr wieder vor der Gedenktafel mit Lichtern an die aus Miehlen vertriebenen Juden erinnert wurde. Bernd-Christoph Matern
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28 Lichter erinnerten während der Mahnwache auf dem Marktplatz an die aus Miehlen stammenden und ermordeten oder verschollenen Juden. Fotos: Matern
