Allianz der Vernunft zeigt Nazis die Rote Karte

thumb_1demonae1kleinthumb_1demona1RHEIN-LAHN. Mehr als 800 Bürger aus dem Rhein-Lahn-Kreis haben am Wochenende für Demokratie, Freiheit und die deutsche Verfassung demonstriert. Kirchen, Parteien und Gewerkschaften hatten zu der „Allianz der Vernunft“ aufgerufen, mit der sie In Nassau und Nastätten einer rechtsradikalen Demonstration entgegentraten. Etwa 140 überwiegend junge Neonazis waren mit zwei Bussen mit Aachener und Dortmunder Kennzeichen und einigen Autos in die beiden Rhein-Lahn-Städte gefahren worden, um dort unter anderem die Errichtung eines SS-Denkmals in Marienfels zu fordern. Zu Ausschreitungen zwischen ihnen und der Polizei kam es, als die Beamten einer Gruppe schwarz gekleideter Neonazis ein Megafon abnahm. Innenminister Karl Peter Bruch erneuerte seine Forderung nach einem Verbot der NPD.

thumb_1demoniewiederkleinWer heute der Toten des Zweiten Weltkriegs gedenken will, darf die Millionen unschuldigen Opfer nicht verschweigen, auch nicht fast 200000 ermordete Menschen mit geistiger oder psychischer Behinderung, sagte Pfarrer Eckhard Bahlmann, Direktor der Heime Scheuern bei der Kundgebung der Allianz der Vernunft in Nassau. Der seit 1870 bestehende Ort zum Leben sei ab 1941 zum Vorhof des gewaltsamen Todes für nahezu 1500 Menschen mit geistiger Behinderung geworden. Bahlmann: „Wer heute die Wahrheit über den Nationalsozialismus leugnet, hat nichts Gutes im Sinn, auch nichts Gutes mit den Schwachen unserer Gesellschaft, die unsere Hilfe und unseren Schutz brauchen.“

thumb_1demorotekarteklein„Rote Karten“ für Rassismus verteilten die Spieler der Fußballmannschaft „Inter“. Der Vorstand des Vereins, in deren Reihen Spieler aus zehn Nationen kicken, hatte die Idee. „Wir sind eine Multi-Kulti-Mannschaft“, so Team-Koordinator Peter Back. „Uns geht es um Toleranz und Frieden; Deutschland ist zu unserer Heimat geworden“, erklärte einer der Spieler türkischer Abstammung. Zusammen mit dem Imam der türkisch-islamischen Gemeinde Nassaus sprachen sich die evangelische Gemeindepfarrerin Dr. Brigitte Menzel-Wortmann und der katholische Pfarrer Heinz Klapsing gegen Vergessen und Verdrängen aus.thumb_1demonakirchenklein „Das stärkt extreme Randgruppen und Ideologien“, so Menzel-Wortmann. Im Gegensatz zum Hiroschima-Gedenkmal, auf dem steht „Schlaft ruhig, das wird sich nicht wiederholen“ müsse man angesichts des braunen Aufmarschs ausrufen: „Wachet unruhig, sonst wiederholt sich das.“ Pastoralreferent Michael Staude zeigte sich befremdet, wie Menschen aus Grevenbroich von „unseren Toten“ reden könnten. „Es sind unsere Toten“, so Staude, „und wir dürfen nicht zulassen, dass sie jetzt zum zweiten Mal zum Opfer werden.“

Der Nazi-Aufmarsch lasse alte Wunden aufbrechen, sagte Nassaus Stadtbürgermeister Herbert Baum und nannte namentlich Nassauer Bürger, die dem Nazi-Regime zum Opfer gefallen sind, von Menschen mit einer Behinderung über Juden und bis zu 15- und 16-jährigen Kindern, die zum Ende des Krieges in den sicheren Tod geschickt worden seien. „Den Nazis ging es um verbrannte Erde – die Menschen waren ihnen völlig egal. Das wollen wir niemals mehr in unserer Stadt erleben.“ Und man könne den Mitbürgern der Stadt, deren Familien solche Gräueltaten widerfahren seien, niemals mehr in die Augen blicken, „wenn wir einen rechtsradikalen Aufmarsch dulden und uns verstecken.“ Verstecken und Wegschauen seien damals wie heute die größte Gefahr. thumb_1demona16klein

thumb_1demonae3kleinDie Landtagsabgeordneten Matthias Lammert und Frank Puchtler sprachen sich gemeinsam gegen den Aufmarsch der Nazis aus. Puchtler: „Und sie können kommen so oft sie wollen – wir sind wieder da.“ In Nastätten äußerte Stadtbürgermeister Emil Werner seine Wut über die Geschichtsverfälschung der jungen Rechtsradikalen. Gemeindepfarrer Dr. Martin Breidert erinnerte an den von Nazis verfolgten und misshandelten Pfarrer Georg Brandt aus Nastätten, der Redeverbot bekam, von den Nazis aus dem Pfarrhaus getrieben und misshandelt wurde.

Der rheinland-pfälzische Innenminister Karl Peter Bruch erneuerte seine Forderung nach einem Verbot der NPD und rechtsextremistischer Parteien. Bruch: „Wir müssen heute diesen Aufmarsch ertragen, aber wir müssen nicht ertragen, dass diese Menschen unsere Verfassung zerstören.“ Wer sich verfassungsfeindlich verhalte, habe in der Verfassung nichts verloren. Den Nationalsozialisten gehe es um Ausgrenzung von Menschen. Der Minister dankte allen Teilnehmern der Kundgebung für ihre Anwesenheit, mit der sie für die Demokratie und die Freiheit eintreten. „Wir müssen uns zu unserer Demokratie bekennen. Da braucht es keinen Mut dazu, nur die Feststellung, dass wir nicht bereit sind, diese Bewegung der NPD hinzunehmen.“

Landrat Günter Kern warf den rechtextremistischen Demonstranten vor, die Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges, der von deutschem Boden ausging, für ihre Zwecke zu missbrauchen. „Wer das hinnimmt, ohne Widerstand zu leisten, hilft ihnen.“ Alle, die sich an der Allianz der Vernunft beteiligen wollen das nicht, auch wenn viele Leute der Meinung seien, Ignoranz wäre der bessere Weg, um die braune Gefahr am langen Arm verhungern lassen zu können. „Wir in dieser Menge hier wollen und können nicht hinnehmen, wenn Millionen Tote zur Zerschlagung des demokratischen Staates missbraucht werden sollen“, so Kern. „Vernunft muss sich jeder selbst erwerben, Dummheit pflanzt sich gratis fort“, zitierte der Landrat Erich Kästner.

Für die Nikolaus-August-Otto-Realschule sprachen sich die thumb_1demonae2kleinSchülersprecher Sarah Hofmann, Mathias Kirsch und Christopher Bate für die Allianz der Vernunft aus. Es sei schlimm genug, dass das SS-Ehrenmal überhaupt so lange auf dem Friedhof in Marienfels gestanden habe. Für das Nassauer Schulzentrum erinnerte Schulleiter Karl Maron an Dietrich Bonhoeffer, der gegen die Nazis Widerstand bis in den Tod geleistet hat.

Gabi Weber vom DGB Koblenz erinnerte an den Artikel 3 des Grundgesetzes. „Wir haben aus der Geschichte gelernt“, so Weber, die auch die Bedeutung einer sowohl freiheitlichen wie sozialen Demokratie betonte, in der Jugendlichen Perspektiven geboten werden und ältere Menschen keine Angst vor Armut haben müssten. „Angst macht anfällig“, so Weber. „Das ist der Boden, wo die Verführer aus dem braunen Lager leichter Fuß fassen können.“ In Nassau unterhielten der Liedermacher Walter Huber und die jüdische Künstlerin Odelia Lazar die Teilnehmer der Kundgebung mit nachdenkenswerten Liedtexten. (bcm)

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