LAHNSTEIN/RHEIN-LAHN. (5.Januar 2011) Über Integration und Migration wird zurzeit viel geschrieben und noch mehr diskutiert. Ganz praktisch gelebt wird sie bereits seit vielen Jahren im evangelischen Kindergarten „Villa Kunterbunt“ in Lahnstein. Reibungslos funktioniert dort das Miteinander mit Kindern und Eltern, die sich mit der deutschen Sprache noch etwas schwer tun. „Wir verstehen die kulturelle Vielfalt nicht als Problem, sondern als eine große Bereicherung“, sagt Ute Hofmann, Leiterin der Einrichtung.
Von den zurzeit 45 Kindern haben 24 einen „Migrationshintergrund“. Wer auch immer sich diese seltsame Vokabel zur Beschreibung von Menschen hat einfallen lassen – in der Villa Kunterbunt werden die Kinder einfach mit ihrem Namen angesprochen, ob Aidar, Ahmet, Arjana, Andrzej oder Andrea – gerade so wie deren Eltern aus Kasachstan, der Türkei, dem Kosovo, Polen, Italien oder Deutschland sie getauft haben. „Da kannst du hingehen, da wirst du so genommen wie du bist“, habe ihr mal eine Mutter gesagt, warum sie ihr Kind dem Erzieher-Team in dem markanten Gebäude in der Pfarrer-Menges-Straße anvertraut.
Dieser Satz ziehe sich wie ein Roter Faden durch die Arbeit der Kita, so Hofmann. „Sie werden nicht erleben, dass hier ein Kind gehänselt wird“, sagt die Leiterin. Raufereien gebe es wie das in diesem Alter üblich ist, ja, aber das habe nichts mit Hautfarbe oder staatlicher Herkunft zu tun. Bereits seit 2005 verstärkt eine interkulturelle Zusatzkraft die Einrichtung, deren Stundenkontingent von 20 auf mittlerweile 40 im vergangenen Jahr aufgestockt wurde. Eine zweisprachig aufgewachsene Kollegin fungiert zudem als Vermittlerin zwischen den Kulturen.
Die meisten der Kinder besuchen über die Mittagszeit die Villa Kunterbunt, um auch an der Sprachförderung teilzunehmen. Die entpuppt sich nicht als Einbahnstraße; manch Deutsch sprechendes Kind verkünde stolz jede neu gelernte fremdländische Vokabel. Vielsprachig wünschen sich denn auch die Kinder „Guten Appetit“ am Mittagstisch, der von internationaler Küche geprägt ist. Zu den Ritualen der Villa Kunterbunt gehört die Zubereitung des Frühstücks mit selbst gebackenem Brot und Brötchen. Hofmann: „Uns ist wichtig, dass die Kinder durch die Rituale die Möglichkeit erhalten, sich hier einzuleben.“
Soziales Miteinander, Kreativität und Selbstständigkeit werden in der Einrichtung, deren Träger die evangelische Kirchengemeinde Niederlahnstein ist, großgeschrieben. Über das Essen, den Austausch von Rezepten beispielsweise, kommen sich auch die fremdstämmigen Eltern näher. „Besonders die Umgestaltung unseres Außengeländes 2008 war ein Aha-Erlebnis“, erinnert sich Hofmann an den naturnahen Umbau des etwa 1000 Quadratmeter großen Außenbereichs. „Gerade dabei haben die sprachlichen Barrieren keine Rolle mehr gespielt und jeder konnte sich mit seiner Kraft einbringen.“
Regelmäßige Elterncafés, adventliche Treffen mit Backen und Vorlesen in unterschiedlichen Sprachen, Nachmittage für Väter (36 Männer wurden dabei schon gezählt!) und nicht zuletzt Sommerfeste mit internationalem Flair förderten darüber hinaus den Austausch und das Miteinander der engagierten Elternschaft, unter der es bei Ausschusswahlen keinen Mangel an Bewerbern gebe.
Wenn das Wörtchen „Hintergrund“ in der Villa überhaupt angebracht ist, dann in seinem ursprünglichen, räumlichen Sinne. Denn die Bausubstanz des 1880 als katholisches Pfarrhaus errichteten Gebäudes lässt sehr zu wünschen übrig. Auch wenn Eltern, Förderverein und Erzieher-Team immer wieder selbst Hand anlegen – eine Komplettsanierung, die zudem mehr Raum für die in Lahnstein dringend benötigte Betreuung von Kindern unter drei Jahren gibt, steht auf der Wunschliste der kunterbunten Villa ganz oben. Bernd-Christoph Matern
