DÖRSDORF/RHEIN-LAHN. (4. Januar 2011) 6.30 Uhr in Dörsdorf: Dienstbeginn für Katja Stricker. Sie lenkt ihr weißes Dienstfahrzeug über den mit Schnee bedeckten Hof. Auch das unwirtlichste Wetter kann derzeit die Pflegekräfte im ganzen Rhein-Lahn-Kreis nicht davon abhalten, ihre Patienten anzusteuern. Die Schwester der kirchlichen Sozialstation in Diez ist dafür ein Beispiel, die auch jetzt jeden Tag bis zu 140 Kilometer zwischen Diez und Rettert über rutschige Landstraßen zurücklegt.
"Ich hab es ja noch gut, weil der Wagen unter einem Dach steht, andere Kolleginnen müssen ihn erst einmal vom Schnee befreien", legt Katja Stricker gut gelaunt an diesem trüben Wintermorgen die Gänge ein, rollt sicher durch Dunkelheit, Nebel und über verschneite Straßen. Die erste Tour führt sie nach Rettert zum Strümpfe anziehen, von dort geht es nach Mudershausen, wo eine vollkommen zugeschneite Seitenstraße der pflegenden Fachkraft auch fahrtechnische Künste abverlangt. Schon das Einparken an dem Dutzend Einsatzorten stellt bei solchen Straßenverhältnissen eine Kunst dar.
"Angst vor dem Fahren darf man in der Tat keine haben, aber rasen sollte man auch nicht, sonst kommt man am Ende gar nicht bei den Patienten an", sagt Stricker, nachdem sie eine 80-Jährige liebevoll geweckt, ihr mit noch etwas kalten Händen („Achtung Frau Müller, jetzt kommt wieder der Schneeball“) eine Insulinspritze verabreicht und die Tabletten auf den Frühstückstisch gelegt hat. „Hier auf dem Land zeigen die Angehörigen auch noch Verständnis, wenn man sich aufgrund des Wetters mal etwas verspätet“, weiß die Schwester, als sie ihre Tour wieder fortsetzt.
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Seit 14 Jahren arbeitet sie in der diakonischen Einrichtung des evangelischen Dekanats Diez, musste früher noch längere Strecken bewältigen. Die steigende Zahl Pflegebedürftiger hat ihren Einsatzradius verkleinert. Ihr weißer Dienstwagen mit dem lilafarbenen Facettenkreuz der evangelischen Kirche auf der Motorhaube kämpft sich tapfer eine Spur durch den Schnee zwischen Allendorf, Mudershausen und Rettert. „Gerade am frühen Morgen ist noch nicht überall geräumt und gestreut“, erzählt die Pflegerin und stützt sich am nächsten Einsatzort mit den Händen an einer Hauswand ab, um auf spiegelglattem Untergrund nicht selbst zu Fall zu kommen.
"Es ist wirklich bewundernswert, was die Mitarbeiterinnen der Sozialstation gerade in dieser Jahreszeit leisten", ist Heike Pfeifer wieder eine Station weiter in Rettert sehr froh, als Stricker pünktlich um 8 Uhr den Vater aus dem Bett holt, wäscht und anzieht, während sie den Frühstückstisch deckt und Kaffee kocht. „Man macht sich als Angehörige den Schritt nicht leicht, fremde Hilfe ins Haus zu holen“, erzählt die Tochter, aber gerade die psychische Belastung wirke sich früher oder später auf alle Beteiligten negativ aus.
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Und während am Tisch Teller und Tassen klappern, begleitet nebenan im Bad ein lebhafter Dialog die gekonnten Pflegehandgriffe der Schwester. Über dies und jenes diskutieren die Beiden bei der Morgentoilette. „Auch das ist für unsern Vater wichtig, denn mit Schwester Katja kann er anders sprechen als er das mit uns tun würde“, weiß die Tochter. „Das sind wirklich Pfundskerle die Engel von der Station“, erklärt Horst Gemmer, dem kaputte Hüftgelenke und ein Schlaganfall die Bewegungsfreiheit genommen haben. Ein elektronischer Rollstuhl, in den ihn Stricker nach einer knappen Stunde fertig angezogen hineinhievt, verschafft ihm in der Wohnung etwas Beweglichkeit.
Sowohl für Schwester Katja als auch ihre Vorgängerin – Stricker: „Wir versorgen in der Regel immer dieselben Patienten“ – hat er nur Lob parat. Seit einem Jahr pflegt sie den 75-Jährigen. „Außer wenn sie mit der großen Spritze
kommen“, scherzt Gemmer. Und während er seinen Kaffee trinkt, tippt Stricker in ihren kleinen Computer die ausgeübte Pflege ein und füllt das Zeitformular für die Krankenkasse aus. Noch schnell ein Glas Wasser und weiter geht's. „Einen schönen Tag, bis morgen!“, ruft sie Vater und Tochter gut gelaunt zu, um sich dann auf den Weg zur nächsten Patientin zu machen.
An den Schneebergen draußen hat sich nicht viel geändert, aber immerhin ist es jetzt hell geworden. Gegen 14 Uhr wird Stricker ihren Dienstwagen wieder in den heimischen Hof steuern, wo er auf seinen nächsten Einsatz wartet, ganz gleich ob es dann wieder stürmt, schneit oder glatt ist – zumindest bei ihren Patienten hat sie neben der Pflege auch an diesem Wintertag wieder ein kleines sonniges Lächeln im Gesicht zurückgelassen. Bernd-Christoph Matern
