RHEIN-LAHN. (2. Februar 2016) 33 evangelische Kindertagesstätten gibt es im evangelischen Dekanat Nassauer Land. Deren Träger, die Kirchengemeinden, haben immer höhere Anforderungen zu beachten, Aufgaben, die weitestgehend von ehrenamtlichen Mitgliedern in den Kirchenvorständen geleistet werden. Personalfragen, Bau- und Finanzangelegenheiten – die Fülle an Aufgaben hat ein Arbeitskreis genauer unter die Lupe genommen und ein Modell entwickelt, das die Kirchengemeinden von Verwaltungsaufgaben entlasten könnte.
Die Ergebnisse, die von dem Arbeitskreis der ehemals drei Dekanate zusammen mit dem Zentrum Bildung der Landeskirche in zwei Jahren erarbeitet wurden, stellten jetzt Dekan Christian Dolke (Diez), Pfarrerin Anne-Bärbel Ruf-Körver (Nastätten), Jörg Diehl (Hahnstätten) und Rebecca Rentz (Oberneisen) Kirchenvorstandsmitgliedern in Lahnstein, Kaub, Klingelbach und Diez-Freiendiez vor. Mehr Zeit für die christliche und religionspädagogische Ausrichtung der Kita zu haben, indem die Kirchengemeinde von organisatorischen Aufgaben entlastet wird, ist ein Ziel, das mit dem Modell erreicht werden soll.
Die Trägerschaft übernimmt das Dekanat, die Verwaltungsaufgaben könnten sich ein Geschäftsführer und ein Personalchef teilen. In ihrer Konzeption war dem Arbeitskreis wichtig, dass die Nähe der Einrichtungen zu ihrer Kirchengemeinde erhalten bleibt. So soll die Kirchengemeinde auch künftig beispielsweise über die Leitung ihrer Einrichtung mitbestimmen; für die Anstellung des Personals hingegen ist nur noch eine Mitwirkung vorgesehen.
Während sich manche Anwesende schwer taten, die absolute Personalhoheit abzugeben, zeigten sich andere sehr froh darüber. „Es kann auch mit Problemen verbunden sein, wenn man plötzlich der Vorgesetzte des Nachbarn wird“, meinte eine Teilnehmerin, und eine Pfarrerin ergänzte: „Auf der einen Seite will man als Gemeindepfarrer auch Seelsorger fürs Personal der Kita sein, auf der anderen Seite muss man gleichzeitig die Entlassung von Angestellten unterschreiben – das passt nicht zusammen.“
Das ist nur ein Entlastungs-Beispiel für viele, die dann im Verantwortungsbereich des Dekanats stünden. Das gilt etwa auch für die Stellenplanung, die Verabschiedung des Haushalts, Versicherungsangelegenheiten, Qualitätsentwicklung und Verhandlungen mit Ländern, Kommunen und Landesämtern. Insgesamt 80 Aufgaben- und Verantwortungsbereiche hat der Arbeitskreis in einer Tabelle aufgelistet und sie in sechs Kategorien der Entscheidungsbefugnisse den mit Kindertagesstätten in Verbindung stehenden Institutionen zugeordnet: dem Dekanat, der Geschäftsführung, den Kirchengemeinden, Kita-Leitungen, der Fachberatung der Landeskirche, der Regionalverwaltung und der Mitarbeitervertretung.
Noch ein Aspekt spricht für das Trägermodell. Ein Geschäftsführer hat tagtäglich mit den Verwaltungsaufgaben zu tun, denen sich der Kirchenvorstand eher selten widmen muss, vom Personalrecht bis hin zu Baumaßnahmen. „Mit dem Geschäftsführer haben wir jemanden, der das ständig und überall macht und den die Ansprechpartner kennen“, erklärte Jörg Diehl; das sorge für schnellere Arbeits- und Entscheidungsabläufe. Anders drückte es Sabine Wagner-Olivotto von Klingelbach aus: „Ich kann ja auch keinen Chirurgen oder Juristen beraten. Bei so vielen Neuerungen ist Fachwissen und eine kompetente Geschäftsführung wichtig.“ Von erleichterten Arbeitsabläufen berichtete auch Rebecca Rentz, die selbst als Erzieherin in einem katholischen Trägermodell mit elf Kitas arbeitet. „Ohne könnte ich es mir gar nicht mehr vorstellen, es erleichtert auch personelle Engpässe etwa in Krankheitsfällen.“
Pfarrerin Sabine Uhl erinnerte an die gemischten Gefühle nach ihrer Ordination als Gemeindepfarrerin in Nochern, als sie in der ersten Woche bereits Einstellungsgespräche für die Kita führen musste. „Es macht so viel Spaß, in den Kindergarten zu gehen, und die Religionspädagogik möchte ich mir auch von niemandem nehmen lassen“, sagte Uhl, mit der sie auch anderen Pfarrern der Infoveranstaltungen aus dem Herzen sprach. Aber um ein klein- oder sogar mittelständisches Unternehmen zu führen, habe sie nicht Theologie studiert, meinten auch andere Pfarrer.
Dekan Christian Dolke wies darauf hin, dass das Papier zum Einen eine Diskussionsgrundlage darstelle, die noch veränderbar sei und dass auch die Möglichkeit geschaffen werden soll, aus dem Trägermodell wieder auszusteigen, falls sich die Erwartungen einer Kirchengemeinde nicht erfüllten. Außerdem kenne er Kirchengemeinden, die mit Herzblut und großer Kompetenz Träger von Kindergärten seien. „Die werden sich diesem Modell sicher nicht anschließen.“ Es stelle ein Angebot dar, gerade vor dem Hintergrund, dass die Zahl an Pfarrstellen weiterhin rückläufig sei, während die Anforderungen an Kita-Träger steigen. Da stellten die mit der Trägerschaft verbundenen Verwaltungsaufgaben gerade für kleinere Gemeinden und deren Kirchenvorstände zudem einen enormen „Zeitfresser“ und eine Belastung dar. „Ziel ist es, trotz steigendem Verwaltungsaufwand evangelische Kindertagesstätten weiterhin professionell zu betreiben und gleichzeitig dazu beizutragen, dass die Gemeinden nach wie vor von „unserem“ Kindergarten sprechen können.“
Der Information der Kirchenvorstände – die Kitas selbst werden über die Fachberatung der Landeskirche informiert – sollen nun positive oder negative Absichtserklärungen der Kirchengemeinden folgen, bevor das Thema von der Dekanatssynode aufgegriffen und beraten wird. Frühestens 2018 könnte dann das Trägermodell in die Tat umgesetzt werden. Bernd-Christoph Matern
