BAD EMS. (7.Dezember 2010) „Erstmals findet heute eine Begegnung zwischen evangelischen, katholischen und russisch-orthodoxen Gläubigen in Bad Ems in dieser Form statt“, sagte der ehemalige Dekan des Dekanats Nassau, Pfarrer Hermann Alves, als sich am lebendigen Adventskalender der evangelischen und katholischen Kirchengemeinden Bad Ems die Tür zur russisch-orthodoxen Kirche in der Wilhelmsallee geöffnet hatte. Rund 50 Besucher waren dem Herrnhuter Stern in das Gotteshaus gefolgt.
Die brachte Alves mit Erfahrungen eines Studienaufenthalts in St. Petersburg ins Staunen. „Dort dauerte der Gottesdienst vier Stunden, und alle Kirchgänger mussten stehen.“ Warum es in Bad Ems überhaupt die russische Kirche gibt, erklärte Ute Brand-Berg. Als König Wilhelm von Preußen zur Kur in Bad Ems weilte, lud er auch seinen Neffen, den russischen Zaren, nach Bad Ems ein. Als 1871 dann König Wilhelm zum deutschen Kaiser gekrönt wurde, trafen sich die wichtigsten Männer der Welt im Kurbad an der Lahn.
Dies ist umso bemerkenswerter, da die Reise mit der Kutsche von St. Petersburg nach Bad Ems sehr strapaziös war. Erst später gab es eine Bahnverbindung über Berlin, und deswegen wurde der Bad Emser Bahnhof für die damalige Zeit
so prächtig ausgestattet. Alleine in den Sommermonaten weilten mehr als 5.000 russische Gäste in der Kurstadt, die auch eine Kirche benötigten, um zumindest am Sonntag Gottesdienst zu feiern. So wurde die Hl. Alexandra-Kirche überwiegend aus Spendengeldern erbaut.
Auf den ersten Blick scheint es in der Kirche keinen Altar zu geben. Von Lesepulten aus wird gebetet. In einem besonderen Bereich stehen die Sänger. Jegliche Instrumente sind in der Kirche untersagt. Gleichwohl verbirgt sich hinter der aufwändig gestalteten Front (Ikonostase) ein durch drei Türen zu erreichender Altar. Dort hält sich der Priester während des Gottesdienstes auf und spricht nach einer besonderen Zeremonie von dort zu den Gläubigen.
Priester Boris Zdrobau berichtete von seiner derzeit 107 Mitglieder zählenden Gemeinde und beantwortete Fragen. So war zu erfahren, dass Kinder bereits drei Tage nach der Geburt getauft und zur Kommunion gebracht werden. Bereits Kinder ab sieben Jahren beteiligen sich an den vier orthodoxen Fastenzeiten, auch der jetzt 40-tägigen im Advent. Von Montag bis Freitag dürfen kein Fleisch, keine Eier oder Milchprodukte gegessen werden. Allerdings sind Öl, Margarine und auch Wein erlaubt, am Samstag und Sonntag ebenso Fisch. Priester Boris: „Trotz der Fastenzeiten leben wir und sind auch nicht dünn, wie Sie sehen können.“
Der Besuch endete eindrucksvoll mit einem von den Geistlichen und den Besuchern gemeinsam gebeteten „Vater Unser“. Siegfried Preuß
