Hygiene, Tests und Kommunikation werden großgeschrieben – Unmut über Vergabe von Impf-Terminen


RHEIN-LAHN. (2. Februar 2021) Seit Beginn der Corona-Pandemie im März vergangenen Jahres stehen die Mitarbeitenden der ambulanten Pflegedienste im Rhein-Lahn-Kreis unter einem hohen Druck. Allein die Pflegekräfte der drei evangelischen Einrichtungen Friedenswarte Unterwegs in Bad Ems, der Kirchlichen Sozialstation Diez und der Diakoniestation Loreley-Nastätten steuern täglich rund 1000 pflegebedürftige Personen an, Infizierungsgefahr inbegriffen. Strenge Hygiene-Richtlinien, regelmäßige Schnelltests und viel Flexibilität bei der Planung der Touren haben bislang dafür gesorgt, dass die Pflegeversorgung im Rhein-Lahn-Kreis in den eigenen vier Wänden weitgehend stabil gesichert ist. Selbstverständlich ist das keineswegs.
„Testen, testen, testen“, sagt Petra Schäfer, Pflegedienstleiterin der Friedenswarte Unterwegs in Bad Ems. Ab sofort ist das für ihr Team sogar zweimal pro Woche Pflicht, einmal ist es vom Land verordnet. „Mir bereiten die Mutationen doch große Sorgen“, sagt die erfahrene Krankenschwester. Das koste zwar Zeit, sei aber ein wichtiges Instrument, um das Team und natürlich auch die Patienten zu schützen. „Wichtig ist und bleibt die Schutzausrüstung, vor allem die FFP2-Masken im Dienst und die regelmäßigen Schnell-Tests“, pflichtet ihr Sonja Schmidt, Pflegedienstleiterin der Diakoniestation Loreley-Nastätten bei. Die sind auch unterwegs immer im Dienstwagen ihrer gut 30 Pflegekräfte mit dabei, falls Klienten oder dort wohnende direkte Angehörige Erkältungssymptome aufweisen. „An Tests sollte die Sicherheit nun wirklich nicht scheitern“, so Schmidt. Für Neuaufnahmen, die etwa aus Kliniken oder von Reha-Aufenthalten in die eigenen vier Wände zurückkehren und eines Pflegedienstes bedürfen, sind die Antikörper-Tests überall obligatorisch.
Gespräche mit Patienten, Angehörigen und Mitarbeitende sind nicht nur für Petra Schäfer in der Pandemie ganz entscheidend. „Klar kostet das Zeit, aber ehrliche Informationen sind zum Schutz vor Infektionen für alle Beteiligten das A und O“. Und wie bei den anderen Pflegediensten im Kreis ist auch ihr Team auf das Verständnis der Kundschaft angewiesen. „Angesichts der Situation kann es natürlich vorkommen, dass mal eine Pflegekraft nicht wie immer um Punkt 8 Uhr vor der Tür steht.“ Nicht nur krankheitsbedingte Ausfälle erfordern mehr Flexibilität im Dienstplan; während der Pandemie können mittlerweile seit zehn Monaten noch Quarantäne-Auszeiten hinzu kommen, weil Kontaktpersonen der Patienten oder der Pflegekräfte mitsamt deren Angehörigen selbst mit positiv getesteten Menschen Kontakt hatten. Es gleicht einem Wunder, dass von den Kräften selbst noch kein positiver Fall gemeldet wurde.

Höchste Bedeutung hat seit März 2020 die Hygiene. Die war und ist schon immer ein fester Bestandteil im Alltag der ambulanten Pflege, nicht erst seit der Coronakrise. Aber die Lage hat deren Bedeutung noch einmal erhöht. Neben zeitfressenden „Schnell“-Tests und dem An- und Umziehen bei risikoreichen Begegnungen gibt es noch andere Herausforderungen. Die Einsatzfahrzeuge werden seit vergangenem Frühjahr nach jeder Tour gereinigt und die Bedienelemente desinfiziert; außerdem geht ein Mehr an Dokumentationspflichten und Kommunikation mit den Betroffenen und ihren Angehörigen mit der Corona-Pandemie einher. Für Dienstbesprechungen wird in Kirchen ausgewichen. „Oberste Priorität hat die Gesundheit unserer Pflegekräfte“, bringt Evelin Scheffler, Leiterin der Kirchlichen Sozialstation Diez, die Lage auf den Punkt. Nur so könne das System bei allen Herausforderungen und neuen wissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnissen stabil gehalten werden und die Gesundheit der Kundschaft bestmöglich geschützt werden.
Umso wichtiger wäre eigentlich die Impfung sowohl von Patienten als auch Pflegepersonal. Doch obwohl die ambulanten Pflegedienste ausschließlich Patienten betreuen, die zu den sogenannten vulnerablen Gruppen zählen, gab es für sie nur den Hinweis aufs ambulante Impfzentrum des Kreises und nicht etwa Angebote, sich en bloc wie in Pflegeheimen testen zu lassen. „Wir wurden scheinbar einfach vergessen“, zeigt sich Petra Schäfer verwundert, denn schließlich haben es die ambulanten Pflegedienste mit einem Vielfachen an älteren und vorerkrankten Menschen zu tun als das etwa in Alten- und Pflegeheimen sowie den Krankenhäusern der Fall ist. Erst ein halbes Dutzend der knapp 40 Pflegekräfte, die in der Verbandsgemeinde Bad Ems-Nassau die ambulante Pflege-Versorgung sichert, hat jetzt den wichtigen Pieks bekommen, sei es, weil sie überzählige Impfdosen im Haus Hohe Lay in Nassau bekamen oder weil sie mit etwas Glück einen freien Termin im Lahnsteiner Impfzentrum ergatterten.
Mal abgesehen davon, dass schon die Warteschleife zum Anmelden im Impfzentrum kostbare Zeit in Anspruch nimmt, die für die Pflege verloren geht, ist es für Evelin Scheffler vollkommen abwegig, ihre Mitarbeitenden bis ins 60 Kilometer entfernte Lahnstein zum Impfen zu schicken. „Das wäre angesichts der derzeit ohnehin knappen zeitlichen und personellen Ressourcen vollkommen unrealistisch“, sagt sie. „Wir nutzen die ganze Zeit schon unsere Netzwerke“, erzählt Scheffler von einem regen Austausch per WhatsApp während der Pandemie; „die eine hat dies, der andere kann das besorgen“. Jetzt ist sie sehr dankbar, im Betreuten Wohnen der Arbeiterwohlfahrt in Diez „auf dem kurzen Dienstweg“ noch Impf-Lücken für ihr Team nutzen zu können und zu dürfen. Unter der Klientel gäbe es allerdings schon etliche Leute, die zumindest ihre Erstimpfung in Lahnstein dank engagierter Angehöriger wahrnehmen konnten. Ein dickes Lob macht sie dem Gesundheitsamt. „Die sind wirklich best of“.
Dass die Kräfte bis nach Lahnstein zum Impfen fahren sollen, sieht Sonja Schmidt in Nastätten gelassener. „Empörung und Schimpfen bringen ja zurzeit nicht wirklich weiter; wir müssen es passend machen.“ Auch zwischen Bäderstraße und Loreley werden deshalb die vielfältig vorhandenen Kontakte genutzt, um an Impfungen zu kommen, seien es ungenutzte Dosen des mobilen Impfteams in nah gelegenen Seniorenheimen oder Termine im Impfzentrum des Kreises, wo sie sich selbst jetzt die erste Impfung hat verabreichen lassen. „Das ging völlig reibungslos und flott“. Worüber sie sich besonders freut: Die Impfbereitschaft im Team liege bei 95 Prozent. Sauer macht sie, wenn dann aus Bayern die politische Forderung nach einer Impfpflicht fürs Pflegepersonal ins Gespräch gebracht wird, während die Impfwilligen noch nicht mal bedient werden können. Die wegen des knappen Impfstoffs nach hinten verschobenen Termine sorgten beim Personal gerade für deutlichen Unmut.
Welche Entbehrung und welcher Aufwand das Pflegepersonal seit nunmehr fast einem Jahr – auch während der Sommermonate – auf sich nahm und nimmt, macht schon lange keine Schlagzeilen mehr. Neben Tests, Masken und der damit verbundenen körperlichen Mehrbelastung braucht es etwa in Haushalten mit positiv getesteten Patienten Schleusen zum Umziehen; auf Hilfe angewiesene Personen dürfen – Corona hin oder her – nicht abgewiesen werden. Auch manche psychische Woge wird im Dienst geglättet, wenn etwa die Sehnsucht nach den Enkeln unermesslich groß ist oder wenn es mit einem Impftermin nicht klappt. „Naja, im Vergleich zu Krankenhäusern und Pflegeheimen können wir die Masken ja auch immer wieder ausziehen, wenn wir im Auto sitzen“, gewinnt Jennifer Frankenberg der Krise sogar noch positive Aspekte ab. Doch die Pflegefachkraft der Sozialstation in Diez teilt auch Alltagsprobleme vieler berufstätiger Eltern während der Pandemie. „Das ist schon eine Herausforderung, mit vier Kindern Home-Schooling und Dienst-Schichten in Einklang zu bringen“. Und natürlich steckt im Hinterkopf immer die große Verantwortung gegenüber den Patienten. „Man geht ja nirgends mehr hin, vielleicht mal Lebensmittel einkaufen, das war’s“, sagt Kollegin Marina Schulz. Und trotzdem macht ihnen die Arbeit noch Spaß, denn auch das ist eine Erfahrung der Krise: „Der Teamgeist ist stärker denn je.“ Bernd-Christoph Matern
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Kein Schminktisch, sondern der Tisch in einem separaten Raum, wo die Pflegekräfte der Kirchliche Sozialstation Diez getestet werden. Fotos: Matern
