Inklusion statt Heim: Wahlrecht zum Wohnen Behinderter erhalten

thumb_1a-podinklu2010aNASSAU/RHEIN-LAHN. (23. Dezember 2010) Inklusion muss sich am Wohl und den Bedürfnissen von Menschen mit einer Behinderung orientieren. Das sagte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung der Heime Scheuern, Erich Czeschlik gegenüber Landespolitikern, die mit ihm und dem Direktor der Heime, Eckhard Bahlmann, über die Folgen einer UN-Konvention diskutierte, die mehr Teilhabe Behinderter am gesellschaftlichen Leben fordert.

Der Begriff Inklusion bedeutet für den sozialen Bereich, dass jeder Mensch in seiner Individualität ein Teil der Gesellschaft ist, von ihr akzeptiert wird und sich in ihr barrierefrei bewegen kann. Anhand von Mengenkreisen hatte Michael Seibert, Projektmanager der Heime für deren Dezentralisierung, anschaulich den Unterschied zwischen Exklusion, Separation, Integration und Inklusion verdeutlicht. Eine Auswirkung der UN-Konvention: Etwa die Hälfte der bisherigen Heimplätze sollen in Wohnplätze vor Ort verwandelt werden. Schon seit Jahren werden auszugswillige Bewohner in Wohnschulen auf ihr selbständiges Wohnen vorbereitet.

thumb_1a-podinklu2010bpodiumOb es sich bei der Umsetzung der Inklusion um eine unerreichbare Vision handelt oder einfach um den Versuch geht, Geld im sozialen Bereich zu sparen, wollte Moderator Bernd-Christoph Matern, Referent für Öffentlichkeitsarbeit der evangelischen Kirche an Rhein und Lahn, von den Diskussionsteilnehmern wissen. Die Landtagsabgeordneten Peter-Wilhelm Dröscher (SPD), Hedi Thelen (CDU), Dr. Peter Schmitz (FDP) und Dr. Fred Konrad (Grüne), der für den Landtag kandidiert, waren sich einig darin, dass dies keine Frage des Geldes sei und dass die Inklusion sogar höhere Kosten verursachen könne.

Die gänzliche Schließung von Behinderten-Einrichtungen, also indem Kinder mit einer Behinderung auch statt in Förder- in Regelschulen betreut werden, hielten alle vier Politiker für undenkbar; außerdem waren sie sich einig, dass niemand gezwungen werden dürfe, aus einem Heim auszuziehen, nur um Planvorgaben der Inklusion zu erfüllen. Der Inklusionsgedanke bis zu Ende gedacht würde bedeuten, dass es neben der Barrierefreiheit in sämtlichen Gemeinden dort auch entsprechende Förderungen in Kindergärten, Schulen und am Arbeitsplatz gibt. Wilhelm Dröscher hatte keinen Zweifel, dass die Umsetzung der Konvention mit höheren Investitionen verbunden sein wird. „Das wissen die Verantwortlichen.“ Für Hedi Thelen steht es auch angesichts der demografischen Entwicklung außer Frage, dass große Einrichtungen gebraucht werden. „Ein Euro hat keine Hände, um Menschen zu halten und zu pflegen“, sagte sie.

Auf das Wunsch- und Wahlrecht der Betroffenen, das es zu erhalten gelte, wies auch Heime-Direktor Eckhard Bahlmann hin, der verlangte, dass die Hilfesysteme nach beiden Richtungen durchlässig bleiben müssen. „Ich denke, dass Inklusion nicht als Einbahnstraße zu verstehen ist, sondern dass der Weg zurück in die Einrichtung möglich bleiben muss“, so der Pfarrer. Er warnte Politiker und zahlreich erschienene Zuhörer vor einer Hilfe nach Kassenlage. Erich Czeschlik verlangte von der Politik nicht nur klare Rahmenbedingungen für die Umsetzung politischer Ziele sondern auch, die dafür notwendigen finanziellen Voraussetzungen zu schaffen.

Auch die Angst der Angehörigen wurde angesprochen, wenn ihre Kinder nicht mehr in der Obhut des Heims sind. Wobei Fred Konrad, selbst Vater eines behinderten Kindes, davon ausgeht, dass in den kommenden zwei Jahrzehnten auch ein Bewusstseinswandel bei den Eltern stattfindet. „Die wollen dann vielleicht gar nicht mehr, dass ihr Kind noch in einer großen Einrichtung lebt.“ Für bessere Rahmenbedingungen, damit Menschen mit Behinderungen auch auf dem regulären Arbeitsmarkt besser Fuß fassen können, sprach sich Peter Schmitz aus. „Da scheitert manche Anstellung an viel zu hohen und komplizierten Gesetzeshürden.“ Fotos: Beate Kretschmann

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