RHEIN-LAHN/BAD EMS. Vor gut sechs Wochen endete ein im Rhein-Lahn-Kreis bislang einzigartiges Austauschprojekt unter Schülern. Acht Israelis eines palästinensischen, acht eines jüdischen Gymnasiums verbrachten zwei Wochen bei 16 deutschen Schülern des Bad Emser Goethe-Gymnasiums, um über Zivilcourage, Menschenrechte und die deutsch-israelische Geschichte nachzudenken, zu forschen und zu diskutieren. Erste Ergebnisse ihres Projektes stellten Projektbetreuer und Schüler jetzt dem Bundestagsabgeordneten und kirchenpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Josef Winkler bei einem Besuch in der evangelischen Kirchengemeinde Bad Ems vor.
Die betreuenden Lehrer, der evangelische Schulpfarrer Dr. Holger Delkurt, der das Projekt als Mitglied der deutsch-jüdischen Gesellschaft Bonn initiiert hatte, und Armin Wenzel sowie der Bad Emser Pfarrer Achim Weber von der unterstützenden Kirchengemeinde stellten dem Politiker das Projekt im Haus der Kirche vor. Die beiden Gymnasiasten Lea Zerbach aus Arzbach und David Abt aus Bad Ems schilderten die Forschungsarbeit der Gruppe.
Die Schüler arbeiten derzeit noch an der Auswertung der Begegnung, insbesondere was die Forschung nach einem Bewohner der Heime Scheuern anbelangt. Ihm soll im Dritten Reich eine Ermordung in der Tötungsanstalt Hadamar erspart geblieben sein, weil ihn ein Landwirt als Arbeiter eingestellt hatte. Einziger Anhaltspunkt war ein Name: Franz. Er soll bei dem Hömberger Landwirt Unterschlupf gefunden haben. Namenslisten, die die Heime Scheuern zur Verfügung gestellt hatten, wurden untersucht, weitere Recherchen in Hömberg und in Hadamar angestellt.
Zwar gibt es Erinnerungen und Zeugnisse, dass ein „Franz“ tatsächlich in Hömberg arbeitete und damit der Deportation in die Tötungsanstalt Hadamar entkam, doch eine handfeste Spur auf dessen genaue Identität und weiteres Schicksal hat sich den forschenden Jugendlichen bislang noch nicht aufgetan. Dafür berichteten Zerbach und Abt dem bundespolitischen Grünen-Sprecher für interreligiösen Dialog von einer anderen bleibenden Erfahrung des Austauschs, nämlich den Kontakten, die der Austausch zwischen jungen Juden und Arabern ermöglicht hat.
„Es gab gerade von Seiten der Israelis schon immer wieder heftige Diskussionen sowohl was die Aufarbeitung deutscher Geschichte als auch den Nahost-Konflikt anbelangte“, erzählte David Abt. Aber bei den Abendbegegnungen in Bad Emser Lokalen oder beim Grillen habe man sich wie eine große Familie gefühlt und die anfangs noch deutlichen Gruppenbildungen seien auch immer wieder durchbrochen worden. „Und es gibt Juden und Muslime, die durch das Projekt jetzt in Israel Kontakt miteinander aufgenommen haben“, wusste Lea Zerbach zu berichten. Beide hoffen im nächsten Jahr auf einen Gegenbesuch in Israel, sofern es die militärische Lage zulässt.
Holger Delkurt und Armin Wenzel zeigten Winkler anhand einer Karte, wo die 16 Schüler in Israel leben, die an dem Projekt teilgenommen haben. Die Region um Haifa sei ein Gebiet, in dem sich die Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern oft genug auch in Waffengewalt ausdrückten.
Winkler zeigte sich beeindruckt, dass der Austausch für neue Kontakte zwischen Arabern und Juden in Israel gesorgt habe. Sollte das Projekt in Deutschland eine Fortsetzung finden, sei er auch gern bereit, es nach seinen Möglichkeiten zu unterstützen. „Nachdem sie miteinander die EU in Brüssel besucht haben, wäre in dieser außergewöhnlichen Konstellation sicher auch Berlin ein interessanter Ort, gemeinsame Geschichte und Zukunft von deutschen, jüdischen und arabischen Schülern verstehen und gestalten zu lernen“, so der Politiker. (bcm)
