Junge Frau begegnet dem Tod – Neue Sicht aufs Leben

thumb_1cs1RHEIN-LAHN/NASSAU. Sie ist jung, hübsch, liebt Partys und das Leben. In Sekundenbruchteilen ist für die 20-Jährige Kindergarten-Praktikantin Christine Stein mit einem schweren Verkehrsunfall nichts mehr so wie es war. Ihr Leben hängt nicht nur am seidenen Faden, er reißt sogar – für 23 Minuten. Ihre Nahtod-Erfahrung schildert die heute 26-Jährige in einem Buch, aus dem sie jetzt auf Einladung der Hospizdienste Rhein-Lahn im Günter-Leifheit-Kulturhaus in Nassau vorlas.

„Mache jeden Tag zu deinem Freund und schenke ihm ein Stück deiner Liebe, denn du weißt nie, ob es vielleicht schon dein letzter Tag in dieser Welt ist.“ In diesem Satz von Christine Stein steckt ihr neuer Blick aufs Leben, den die Autorin des Buches „Like an Angel – Einmal Himmel und zurück“ einem schweren Verkehrsunfall zu „verdanken“ hat. Nach dem Zusammenstoß mit einem Lastwagen wird sie schwerst verletzt aus ihrem völlig zertrümmerten Wagen geborgen, Wochen verbringt sie im Krankenhaus, kommt nach Hause, erleidet einen Rückfall und ist während einer Operation am Riss ihrer Hauptschlagader 23 Minuten klinisch tot.

thumb_1csWie viele andere Menschen, die eine solche „Nahtod-Erfahrung“ gemacht haben, tritt die junge Frau aus ihrem Körper, sieht sich auf dem OP-Tisch liegen, nimmt ein nie gesehenes helles Licht wahr und ist mit einem Mal von bereits verstorbenen Freunden, Verwandten und Bekannten umgeben. „Ich befand mich also im Himmel. Was sollte es sonst für ein Ort sein, an dem ich auf Verstorbene treffe?“, schreibt sie im Buch und schildert, wie sie dort erstmal auf die Eltern ihrer Mutter trifft, die sie bis dato nur von Bildern kannte. „Ich fühlte mich like an angel“. Eine „wunderschöne Welt“ tut sich für sie auf, deren Begegnung ihr viel länger vorkommt als 23 Minuten; wie in einem Traum erinnert sie sich über mehrere Seiten an das Gespräch mit ihren verstorbenen Großeltern.

 „Danach konnten mich die Chirurgen Gott sei Dank wieder ins Leben zurückholen und mir ein neues Leben mit vielen neuen Gedanken und Einstellungen schenken“, schreibt Stein. An ein Tunnel oder einen Rückblick auf ihr Leben, wie sie von anderen außerkörperlichen Erfahrungen berichtet wurden, kann sich Stein nicht erinnern.

Sehr nüchtern schildert sie im ersten Drittel des Buches die Vorgänge rund um ihren Unfall, ja manchmal schon erschreckend akribisch genau, wenn sie all ihre Verletzungen aufzählt. Zwischen den Zeilen des Buches steckt viel Erkenntnis über das, was sie am Leben hält, was ihr Sorgen bereitet. Den Angehörigen nicht zur Last fallen, kämpfen in der Gewissheit zu überleben. Und der Leser erfährt, dass auch vermeintlich abwesende Patienten sehr wohl in der Lage sind, ihre Umwelt, vor allem Geräusche und Stimmen, wahrzunehmen, mangels körperlicher Schwäche aber nicht in der Lage sind, sich bemerkbar zu machen.

Jenseits der Diskussion über Nahtod-Erfahrungen ist das Buch Zeugnis eines Menschen, der durch die Nähe zum Tod eine neue, intensivere Sichtweise auf Leben, Sterben und Tod gewonnen hat. Ein neues Leben, das Christine Stein zu Gedanken über Zufall und Bestimmung, ihren Glauben, die Aufgabe, die ein Mensch hat und einigen sehr innigen Gedichten animiert. Mit der Lesung haben die Hospizdienste in Kooperation mit der Gleichstellungsstelle des Kreises und dem Seniorenbüro „Die Brücke“ einmal mehr dazu beigetragen, den Tod als Thema fürs Leben etwas aus der Tabuzone herauszuholen. (Bernd-Christoph Matern)

Christine Stein: „Like an Angel – einmal Himmel und zurück“. ISBN: 3-86548-347-X www.christine-stein.de

In schwierigen Zeiten niemals aufgeben

Interview mit Buchautorin Christine Stein

In wieweit war für Sie das Buch Selbsttherapie, in wieweit ist es „Verkündigung“?

Ich denke beides war und ist mir ein Anliegen. Wobei beides auch miteinander verbunden ist. Die „Verkündigung" (meine Lesungen) tragen großen Anteil an meiner Selbsttherapie, da ich mich immer wieder ganz bewusst mit diesem Thema konfrontiere. Auch helfen mir die Fragen der Zuhörer. Denn oftmals tauchen Fragen auf, über die ich mir zuvor noch keine Gedanken gemacht habe, diese aber oftmals zur weiteren Verarbeitung des Geschehens beitragen. Mir liegt es am Herzen, meine gesammelten Erfahrungen weiterzugeben und dadurch vielleicht einigen Menschen ein wenig helfen zu können, oder ihnen in schwierigen Situationen Mut zu machen und ihnen zu vermitteln, dass man NIEMALS aufgeben darf!

Worin liegt der Unterschied zwischen glücklichen Momenten, die Sie vor und nach dem Unfall empfunden haben?

Nach diesem Unfall und der Nahtod-Erfahrung habe ich gelernt, dass man jeden Moment als glücklichen Moment ansehen sollte, da es nicht selbstverständlich ist, gesund zu sein und leben zu dürfen.

Wie oft denken Sie heute noch in ihrem Alltag an den Unfall?

Leider ist es mir bis heute noch an keinem Tag gelungen, den Unfall komplett aus meinen Gedanken zu streichen. Ich denke also täglich an den Unfall. Auch aus dem Grund, da ich jeden Tag, auf dem Weg zur Arbeit, die Unfallstelle passiere.

Haben Sie manchmal Angst vor dem Sterben oder dem Tod?

Nein, davor habe ich keine Angst mehr. Aber dennoch möchte ich noch sehr lange leben. Auch, wenn man vor dem, was kommt, überhaupt keine Angst haben muss.

Sie sind stolz auf den Titel „Autorin“. Haben Sie ein neues Buch in der Mache?

Ja, ich bin stolz darauf, mich Autorin nennen zu dürfen und ja, ein neues Buch ist in Arbeit. Zu meinem nächsten Buch kann ich schon soviel sagen, dass es meinem Opa gewidmet sein wird. Dies habe ich ihm am Sterbebett versprochen und das halte ich auch. In meinem nächsten Buch möchte ich unter anderem die Auswirkungen meines Buches und meiner Lesungen auf andere Menschen beschreiben. Auch werde ich noch einmal meine Einstellung zum Leben und zum Tod darstellen. Ebenso beschreibe ich, wie ich meinen Opa bis zu seinem Tode begleitet habe und wie sehr ihm und auch mir meine gesammelten Erfahrungen dabei geholfen haben. Einige Gedichte, die auch schon in Arbeit sind, werden auch einige Seiten des neuen Buches füllen. Ganz wichtig ist mir aber zu erwähnen, dass ich auch in meinem nächsten Buch niemals irgendetwas erfinden werde, nur um Seiten zu füllen. Das Buch wird ein Buch aus dem Leben sein.

Die Fragen stellte Bernd-Christoph Matern

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