
Karfreitag 2020: Der Sohn Gottes trägt und erträgt
Eine Andacht von Dekanin Renate Weigel
RHEIN-LAHN. (10. April 2020). Karfreitag – zusammen mit Ostern der höchste christliche Feiertag. In diesem Jahr besteht erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg nicht die Möglichkeit, den Feiertag mit einem Gottesdienst in der Kirche zu feiern. Dekanin Renate Weigel hat daher die folgenden Gedanken zum heutigen Feiertag für die Leserinnen und Leser der Website formuliert. Am Ende des Textes finden Sie eine PDF-Datei zum Ausdrucken. Außerdem gibt es hier ein Video des Beitrags.
„Und als sie an die Stätte kamen, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort…
Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Und die Soldaten verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.“ Lukas 23, 33+34
Gott, wie tief willst du noch sinken? „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“ – weiter nach unten geht nicht.
Dabei ist es nicht nur das Sterben Jesu, sondern es sind auch die vielen damit verbundenen Erniedrigungen, die mich erschüttern. Er stirbt nackt, geschlagen, bespuckt, verlacht den qualvollen Tod am Kreuz. Für die Römer nur einer aus den zahllosen Reihen derer, die an Kreuzen hingerichtet wurden, weil sie als Aufrührer oder sonstige Feinde galten.
Ich bin nicht bei denen, die sagen: Jesus musste sterben, sein Blut musste vergossen werden, damit Gott uns unsere Sünde vergeben und sich mit uns versöhnen kann. Gottes Gnade braucht keine Opfer, sondern offene Herzen. Wenn der Psalmbeter aus dem Alten Testament um Vergebung bat, wurde sie ihm wohl gewährt.
Trotzdem fallen mir beim Lesen der Passionsgeschichte genau diese Worte ein:
Sünde. Jesus stirbt buchstäblich an der Sünde der Menschen. Sie heißt: Gleichgültigkeit, Gnadenlosigkeit und eine Angst, die ihren Ausweg nur in der Gewalt findet.
Vergebung. Jesus lässt sich zu keinem Zeitpunkt hinreißen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Mögen die um ihn herum sein wie sie wollen, er bleibt sich treu. Er bleibt Gott treu. Er bleibt Mensch.
Er macht sich selbst nicht zum Opfer, sondern behält eine Freiheit. Er kann beten: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Der Sohn Gottes trägt und erträgt, was wir niemals erleben wollen: Er lässt sich zu Tode beschämen. Allen Beschämten und allen unseren Toten kommt er damit ganz nahe. Es gibt hinfort keinen Ort im Leben und im Sterben ohne seine liebevolle Gegenwart. Und es gibt keine Schuld ohne sein Gebet: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Jesus am Kreuz macht den Weg frei für eine große Aufgabe: Auch in der Not Mensch zu bleiben.
„In jeder Nacht, die mich umfängt, darf ich in deine Arme fallen.
Und du, der nichts als Liebe denkt, wachst über mir, wachst über allen.
Du birgst mich in der Finsternis, dein Wort ist noch im Tod gewiss.“
(Jochen Klepper)
Diese zur Andacht passenden Lieder aus dem Evangelischen Gesangbuch (EG) können Sie laut oder leise singen oder lesen:
- EG 85 O Haupt voll Blut und Wunden (besonders Vers 9)
- EG 93 Nun gehören unsere Herzen
- EG 96 Du schöner Lebensbaum
Die Andacht können Sie hier herunterladen.
Zum Foto:
Das Bild zeigt den Gekreuzigten in der evangelischen Kirche von Miehlen. Foto: Matern
