Luthers Leben kommt in Barbarakirche Braubach zum Begreifen nah

thumb_1a-eaaluther100316ablass_becrima-thumb_1a-eaaluther100316krug_co-becrima-BRAUBACH/RHEIN-LAHN. (17. März 2016) Im kommenden Jahr jährt sich der Beginn der Reformation mit Martin Luthers „Thesenanschlag“ in Wittenberg zum 500. Mal. Sogar einen arbeitsfreien Feiertag bekommen alle Deutschen aus diesem Anlass am 31. Oktober 2017. Was den Mönch so bedeutend machte, zeigte Pfarrer Wilhelm Schmidt aus Bad Ems, als er Gedanken und Wirken des Reformators in der Braubacher Barbarakirche sehr anschaulich lebendig werden ließ.

Nicht angekettet an die Kirche, sondern dem ganzen Volk sollte die Bibel zugänglich werden. Seinem Gewissen und Wissen, nicht Kirche oder Staat sah er sich verpflichtet. Und schließlich propagierte Martin Luther Bildung von Anfang an. Das waren nur drei vieler Aspekte im Wirken Luthers, die Wilhelm Schmidt von 500-jährigem Historienstaub befreite und ebenso tiefsinnig wie kurzweilig und zum Begreifen im wahrsten Sinne des Wortes in den Fokus rückte.

Für Letzteres öffnete der Vorsteher des Diakoniewerks Friedenswarte in Bad Ems eine wahre Schatzkiste mit Gegenständen aus Luther-Zeiten, die der Theologe seit seiner Kindheit gesammelt thumb_1a-eaaluther100316schlos_becrima-hat. „Daran könnten sich wohl noch DNA-Spuren von Martin Luther befinden“, ließ Schmidt ein Türschloss durch die Reihen wandern, das sich an Luthers Zelle auf der Wartburg über Eisenach befunden hat, dort, wo er die Bibel ins Deutsche übersetze. Eine „Ketten“-Bibel stellte Schmidt vor, mit der früher kostbare Bücher vor Diebstahl geschützt wurden, einen aufwändig gestalteten Ablasszettel (Schmidt: „Die Leute wollten ja was in der Hand haben für ihr Geld“), Original-Taler, mit denen sie bezahlt wurden sowie Folterwerkzeug, das im endenden Mittelalter früher oder später jede gewünschte „Wahrheit“ auch über die Lippen Unschuldiger brachte.

Mit einer Reiteraxt erinnerte er an die Bauernkriege. Eine Folge des aufkeimenden Freiheitsgedankens, dem Luther selbst Vorschub leistete. Dass er die Fürsten damals bestärkte, diesen ein blutiges Ende zu bereiten, weil er dagegen war, „geistliche Freiheit mit politischen Parolen zu vermischen“, habe ihn später sehr geschmerzt. Luther sei ohnehin ein Kind seiner Zeit gewthumb_1a-eaaluther100316bes_becrima-esen, so auch in seiner extremen Judenfeindlichkeit. Dann wurde ein vor Flammen gerettetes Flugblatt von Luthers Erzfeind, dem päpstlichen Ablasshändler Johann Tetzel, in den Stuhlreihen bestaunt. Die Lutherverehrung späterer Jahrhunderte lebte in der Barbarakirche ebenso auf: mit Lutherbildern auf dem Kaffeeservice des Biedermeier oder einem auf dem Kirchenboden hin und her wackelnden kleinen Aufzieh-Luther aus den USA.

Eindringlich beschrieb Schmidt Luthers Verdienste für die Reformation, mit denen er nicht zuletzt die damals verweltlichte Kirche gerettet habe, die in ihrem Sumpf stecken geblieben wäre. Schlüsselbegriffe, die Immanuel Kant erst 200 Jahre später wieder aufgriff, wie Gewissen, Vernunft und Bildung, hätten eine neue Ära eingeleitet. Schmidt: „Hier beginnt die Aufklärung“. Ein Abriss über die drei christlichen Epochen vom Altertum über die konstantinische Wende im 4. Jahrhundert bis hin zum Beginn des christlichen Abendlandes ab etwa 1500 fehlte an diesem Abend ebenso wenig wie der Blick auf Luthers Zeit und Wegbegleiter. „Jeder, der durch die Taufe gekrochen ist, ist zum Papst geweiht!“, brachte Schmidt Luthers Kontra gegen die damalige katholische Hierarchie auf den Punkt, auch wenn der Reformator nach heutiger Sicht maximal ein „Reformkatholik“ zu nennen sei.

Die Abgrenzung zur katholischen Kirche soll allerdings Geschichte bleiben, blickte Schmidt aufs kommende Jubiläumsjahr der Reformation. Dann sollen Versöhnung und Verbindendes im Mittelpunkt stehen. Der Vortrag des Theologen, zu dem Bildungsreferentin Claire Metzmacher, Leiterin der regionalen evangelischen Ehrenamtsakademie (eaa) Rhein-Lahn eingeladen hatte, machte Lust auf mehr Luther und wurde mit reichlich Staunen und Beifall von den Besuchern quittiert.

Am Ausgang gab es ein Büchlein mit auf den Heimweg mit dem Titel „Dr. Martin Luther und seine Zeit“, das Schmidt über seine Ausstellung zur Geschichte der Reformation geschrieben hat. Es ist auch erhältlich bei der Friedenswarte in Bad Ems. Bernd-Christoph Matern

Zu den Fotos:
Luther zum Anfassen: Einige wenige Exponate seiner umfassenden Sammlung hatte Wilhelm Schmidt (links) in die Barbarakirche mitgebracht. Fotos: Bernd-Christoph Matern

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