Mensch sein in jeder Lage

Eine Liederandacht zum Jahreswechsel von Dekanin Renate Weigel

RHEIN-LAHN. (31. Dezember 2020) Dekanin Renate Weigel hat eine Liederandacht zum Jahreswechsel geschrieben. Sie verbindet die Verse von Paul Gerhardt mit den aktuellen Geschehnissen und Erfahrungen des Jahres 2020 und den Hoffnungen und Sicherheiten, die es im Jahr 2021 geben wird. Am Ende des Beitrags finden Sie eine gestaltete PDF-Datei, die Sie herunterladen und ausdrucken können, um sie an Interessierte weiterzugeben. Hier die Andacht:

„Nun lasst uns gehen und treten
mit Singen und mit Beten
zum Herrn, der unserm Leben
bis hierher Kraft gegeben.    (Evangelisches Gesangbuch Lied 58, Vers 1)

Auf der Schwelle zum neuen Jahr treten wir vor Gott. Wir blicken auf das vergangene Jahr zurück. Gott hat uns bis hierher Kraft gegeben. Wir sind noch da. Wir konnten und können einiges tun und bewirken. Selbst wenn uns durch ein Virus Bewegungsspielräume und Möglichkeiten genommen wurden, konnten und können wir uns trotzdem bewegen, arbeiten, spielen. Das Jahr hat uns Kraft gekostet. Manche haben auch zur Ruhe und zu neuer Kraft gefunden. Was ich bin und habe, kommt von Gott. Ich will das Jahr nicht beschließen, ohne dankbar zu sein für mein Leben und was mir darin geschenkt worden ist.

Wir gehen dahin und wandern
von einem Jahr zum andern,
wir leben und gedeihen
vom alten bis zum neuen (Vers 2)

Es ist ein altes Bild, das Leben als Weg oder Pilgerweg zu verstehen. Wir wissen nicht, wie lang der Weg ist und wieviel Zeit wir haben. Also gehen wir und gehen wir. Wer Pilgererfahrung hat, weiß, wie das in einem täglichen Auf und Ab geschieht. Manchmal gibt es nur Schritt vor Schritt zu setzen und schlicht durchzuhalten, trotz Schmerzen, Frust, Wut oder Aussichtslosigkeit. Was ist das Ziel?

Das Ziel ist, täglich und schließlich ewig bei Gott anzukommen. Der will „Gedeihen“ schenken. Täglich und ewig.

durch so viel Angst und Plagen,
durch Zittern und durch Zagen,
durch Krieg und große Schrecken,
die alle Welt bedecken.  (Vers 3)

Wir kommen nicht ungeschoren davon, auch, wenn wir alles tun, um Schmerzen und Leid zu vermeiden. In diesem Jahr hatten viele Menschen Angst, manche Panik. In unserem reichen, mächtigen, fortschrittlichen Land standen wir hilflos einer Virus-Erkrankung gegenüber. Und wir sind noch nicht über den Berg. An anderen Orten tobt auch noch Krieg. Wir können nicht Wunder tun oder die Welt retten. Aber Christinnen und Christen sind gefragt, ja beauftragt, Barmherzigkeit zu üben, Frieden zu stiften, schlicht Mensch zu sein in jeder Lage.

Denn wie von treuen Müttern
in schweren Ungewittern
die Kindlein hier auf Erden
mit Fleiß bewahret werden,

also und auch nicht minder
lässt Gott uns, seine Kinder,
wenn Not und Trübsal blitzen,
in seinem Schoße sitzen. (Verse 4+5)

Im schweren Gewitter bei der Mutter im Schoß sitzen, das ist ein altes Trostbild. Früher hatte man vor einem Gewitter große Angst. Ich denke auch an das „Auge im Sturm“. Oder daran, dass im Herzen des Taifuns ein Kind schlafen kann. Es gibt im schlimmsten Unwetter einen Punkt der Stille.

Ich nenne den Punkt Vertrauen. Sein Ort heißt Gebet. „Trotz dem alten Drachen, trotz dem Todesrachen, trotz der Furcht dazu“ – im Vertrauen auf Gott im Gebet diese besondere Stille zu suchen, kann uns überleben helfen.

Ach Hüter unseres Lebens,
fürwahr, es ist vergebens
mit unserem Tun und Machen,
wo nicht dein Augen wachen. (Vers 6)

Wir tun und machen ständig. Wir tun und machen vieles unruhig und unter Druck. Wir sind im Stress. Was soll da „gedeihen“, wachsen, werden?

Die Menschheit tut und macht seit Jahrtausenden. Ist etwas besser geworden?

Ich kann mich auch an jedem Morgen von Gott beauftragen lassen und unter seinen Augen arbeiten.

Vielleicht werde ich nicht immer „funktionieren“, jedenfalls nicht im Sinne der zahlreichen Antreiber und Ausbeuter. Aber ich habe die Chance auf ein arm-seliges Leben. Eigenartig, dass dieses Wort bei uns nach „bedauernswert“ klingt.

Gib mir und allen denen,
die sich von Herzen sehnen
nach dir und deiner Hulde
ein Herz, das sich gedulde. (Vers 9)

Geduld mussten wir im Jahr 2020 viel haben. Wir warten täglich, dass es besser wird. Geduld ist nötig, weil so vieles seine Zeit braucht. Vor allem Menschen. Alles, was wachsen will. Es gibt keine Sehnsucht ohne Geduld. Barmherzig-Sein ist nicht möglich ohne sie. Gib uns Geduld, Gott!

Sei der Verlassnen Vater,
der Irrenden Berater,
der Unversorgten Gabe,
der Armen Gut und Habe.

Hilf gnädig allen Kranken,
gib fröhliche Gedanken
den Hochbetrübten Seelen,
die sich mit Schwermut quälen. (Verse 12+13)

Paul Gerhardt schrieb dieses Lied 1653. Zu jeder einzelnen Fürbitte fallen mir Menschen heute ein.

Ein Leserbrief in der Zeitung mahnte die Kirchen vor Weihnachten an, über der Debatte zu Präsenzgottesdiensten nicht die Menschen im Flüchtlingslager Moria zu vergessen. Recht hat der Mann!

Zur stillen Zeit am Jahresende gehört die Fürbitte. Ich lege Menschen Gott ans Herz. Gleichzeitig spüre ich, dass es damit nicht getan ist. In jeder Fürbitte wartet eine Aufgabe. Das macht mir auch Angst. Aber wieder gilt: Sei, die du bist. Gib, was du hast. Und es wird nicht egal sein.

Und endlich, was das meiste,
füll uns mit deinem Geiste,
der uns hier herrlich ziere
und dort zum Himmel führe.

Das alles wollst du geben,
o meines Lebens Leben,
mir und der Christen Schare
zum sel’gen neuen Jahre. (Verse 14+15)

Gottes Geist bringt frischen Wind. Wo er weht, ist Freiheit. Er verbindet Mensch mit Mensch und mit Gott. Er stellt unsere Füße auf weiten Raum. Ich kann nur AMEN sagen zu dieser Bitte!

Gott segne, was wir zurück lassen. Er segne die Schritte, die wir nach vorne gehen. Er schenke uns Mut zum Leben und Freude daran. So segne und behüte uns der Lebendige, Vater, Sohn, Heiliger Geist. Amen.

Die ANdacht können Sie hier herunterladen, ausdrucken und an Interessierte weitergeben.

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Kommentare sind geschlossen.