Passionsandacht zu Gründonnerstag 2020 von Dekanin Weigel

Aus Nichts etwas werden lassen

RHEIN-LAHN. (9. April 2020) In der Fasten- und Passionszeit öffnen sich normalerweise die Kirchentüren zu regelmäßigen Passionsandachten. Dies ist zurzeit nicht möglich. Deshalb hat Dekanin Renate Weigel für diese Website Passionsandachten geschrieben, heute zum Gründonnerstag. Sie finden diese auch in einer gestalteten PDF-Datei am Ende des Beitrags, die Sie gerne ausdrucken und an Interessierte in Ihrer Umgebung in den Briefkasten einwerfen können. In der zweiten Passionsandacht geht es diesmal um Tränen.

 

„Und Jesus nahm das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmt. Das ist mein Leib.“ Markus 14, Vers 22

 

Ich erinnere mich, dass ich einmal ein Rezept-Heftchen aus Kriegszeiten in der Hand gehalten habe: Kochen und Backen mit beinahe nichts im Haus. 

Wir können ja nach wie vor (fast) alles einkaufen. Trotzdem empfinde ich gerade einen Mangel. Wir sind in der Karwoche, begehen Gründonnerstag und denken an den letzten Abend, den Jesus mit seinen Lieben verbrachte:

Sie aßen und tranken miteinander in der Weise, mit der die Israeliten an die Befreiung aus der Sklaverei erinnern. In Brot und Wein teilte Jesus sich selbst: „Nehmt. Das bin ich.“ „Tut dies zu meinem Gedächtnis“, nach diesen Worten Jesu feiern wir das Abendmahl in unseren Gemeinden bis heute. Besonders am Abend des Gründonnerstag. In diesem Jahr dürfen wir uns nicht versammeln.

Was ist ein Gründonnerstag ohne Gemeinde? Was ist eine Gemeinde, die nicht Gemeinschaft und Abendmahl teilen kann? Wie feiern wir Ostern, ohne zusammenzukommen und das große Halleluja zu singen? Oder ist das Jammern auf hohem Niveau?

Eduardo Galeano, ein Schriftsteller aus Uruguay brachte zum Kirchentag in Leipzig 1997 eine Geschichte mit, die aus einem Gefangenenlager das Folgende erzählt: Die Insassen dieses Lagers leben täglich mit langen Steh-Appellen, Stockschlägen und Erschießungsdrohungen. Es ist bei Todesstrafe verboten, beieinander zu stehen und miteinander zu sprechen. Doch dann macht die Runde: Heute ist Ostern! Das muss man feiern!

Wie zufällig fangen sie ein Kommen und Gehen an. Einige lenken die Wärter ab. Einer flüstert: Jesus war im Gefängnis. An einem Sonntag wie diesem hat er die Mauern bersten lassen, damit jede Haft in Freiheit ende… Und dann: Lasst uns essen. Das ist sein Leib. Und sie essen das unsichtbare Brot. Lasst uns trinken. Und sie erheben den Kelch aus Nichts und trinken den unsichtbaren Wein.

Aus Nichts etwas werden lassen, so gehen Wege Gottes. Davon erzählen die Schöpfungstexte. So wird Gott Mensch in Jesus, und wir stehen an Weihnachten andächtig vor einer Futterkrippe. So stirbt Jesus am Kreuz. Aus dem Beinahe-Nichts eines Senfkornes wächst im Gleichnis Jesu ein Baum, in dessen Zweigen die Vögel nisten.

Ich ahne, dass die Männer im Lager, die sich nicht beugten, sondern Ostern „mit Nichts“ feierten, Kraft und Hoffnung schöpften.

Und wir? Wir können tun, was möglich ist. Uns in Gedanken und Gebeten verbinden. Gottesdienste in Fernsehen oder Internet mitfeiern. Wir können in unseren Häusern einander sogar Brot und Wein reichen und sagen: Für dich. Damit verbinden wir uns mit dem, der uns aus aller Angst in die Freiheit der Kinder Gottesführen will.

Lebendiger Gott,

Nimm uns unnötige Ängste.

Komm zu uns und erfülle uns mit deiner Gegenwart.

In deiner Liebe bleiben wir verbunden.

 

Diese zur Andacht passenden Lieder aus dem Evangelischen Gesangbuch (EG) können Sie laut oder leise singen oder lesen:

  • EG 789.7 Bleib mit deiner Gnade bei uns
  • EG 389 In dir ist Freude

Hier können Sie die Andacht zum Ausdrucken herunterladen.

Die 1. Passionsandacht zum Thema „Die kleinen Akte der Liebe sind gefragt“ finden Sie hier, die 2. Passionsandacht zum Thema „Tränen sind wichtig“ finden Sie hier.

Zum Foto:
Das Bild zeigt das letzte Abendmahl von Jesus und seinen Jünger als Fenster in der evangelischen Kirche von Nochern. Foto: Matern

 

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Kommentare sind geschlossen.