Pfarrer und Ärzte diskutieren: Letztes Jahr eines Menschen

thumb_1a-st042016leid_und_sinnRHEIN-LAHN/OESTRICH-WINKEL. (28. April 2016 „Das ist ein Experiment“, betonte Propst Oliver Albrecht zu Beginn eines nicht ganz alltäglichen Studientages der Evangelischen Propstei Süd-Nassau. „Das letzte Jahr im Leben eines Menschen“, lautete das Thema, zu dem sich erstmals Pfarrer und Ärzte aus der Region trafen.

"Normalerweise geben wir uns die Klinke in die Hand. Wenn die Ärztin geht, kommt die Pfarrerin“ sagte eine Theologin, „und dabei reden wir wenig miteinander.“ Das war an dem Studientag deutlich anders. Trotz der durchaus schwer anmutenden Thematik und den sehr intensiv geführten Gesprächen „herrschte eher eine Stimmung wie auf einem Sommerfest“ konstatierte der Palliativmediziner Dr. Bernd Oliver Maier, Chefarzt am St. Josefs Hospital in Wiesbaden.

thumb_1a-st042016referenten_fotoweisePfarrer Dr. Kurt Schmidt, Leiter des Zentrum für Ethik in der Medizin (ZEM) am Agaplesion Markus Krankenhaus Frankfurt, führte die gut 70 Teilnehmenden mit Szenen aus Krankenhaus-Serien in die Themenbereiche „Trost und Hoffnung“, „Schuld und Verantwortung“ und „Zeit und Ewigkeit“ ein. Zuvor skizzierte er die Entwicklung der Medizin. Früher im Mittelalter gab es ein vertikales Bild der Medizin. Der Arzt musste den Patienten vor der Behandlung zur Beichte zu schicken. Damit sollte deutlich gemacht werden, dass nur Gott alleine heile. Krankenhäuser wurden meist in Kirchen hineingebaut, die Betten mit Blick auf den Altar.

Später wandelte sich das Verständnis in eine horizontale Darstellung der Medizin, sichtbares Beispiel ist das Bild von Lucas Cranach d.Ä. „der Jungbrunnen“ in dem die Kranken von links in den Brunnen eintauchen und dann rechts als geheilt und jung aussteigen. Von Gott und dem Himmel ist nichts mehr zu sehen. „Das brachte eine große moralische Befreiung bei Arzt und Patienten mit sich.“ Es begann das Zeitalter der starren Trennung der Medizin vom „Übernatürlichen“.  

In den anschließenden Gesprächen diskutierten die Teilnehmenden unter anderem über eine Situation, in der eine todkranke Frau zu Hause sterben wollte und dann wegen Atembeschwerden in der Nacht wieder ins Krankenhaus gebracht wird. Hier ging es vor allem um das Dilemma, in dem sich der Ehemann und die Kinder befan-den. Ein weiteres Beispiel handelte von einem todkranken jungen Mann, der nur noch wenige Wochen zu leben hat und sich entscheidet, niemandem die todbringende Diagnose zu erzählen. Ein anderes Filmbeispiel beschäftigte sich mit der Frage, wie Eltern und Ärzte mit der Frage der Hoffnung, in Bezug auf ihr schwer krankes Kind.

Ärzte und Pfarrer berichteten unisono, dass sie die Erfahrungen gemacht haben, dass Menschen oft alleine sterben wollten. Auch die Frage, ob und wie man „Hoff-nung machen kann“ wurde zum Teil kontrovers diskutiert. Ein Arzt berichtete von dem inneren Konflikt, wenn er schwer kranken Menschen einerseits Hoffnung machen möchte und andererseits „die ganze wissenschaftliche Palette an Risiken im Hinterkopf habe“.

Im anschließenden offenen Dialog mit Hospizpfarrerin Beate Jung-Henkel (St. Josef Rüdesheim), dem Internisten, Lungenfacharzt und Palliativmediziner Dr. Bernd Wagner (HSK, Wiesbaden), dem Allgemeinmediziner Dr. Thomas Mainka, der Notfallmedizinerin Dr. Lina Fendel (St. Josef, Wiesbaden) sowie Propst Oliver Albrecht und Dr. Bernd Oliver Maier besprachen die Mediziner und Pfarrer dann Themen wie: „Was passiert, wenn ich Fehler mache?“.

Es gäbe ja nicht nur ärztliche Kunstfehler, sondern auch Fehler im Seelsorgegespräch, stellte ein Arzt fest. „Selbst wenn Gott mir verzeiht, kann ich mir verzeihen?“ fragte sich ein Arzt. Weitere Themengebiete waren „Arzt und Trauer“, „Was ist am Ende?“ oder die Frage nach einem möglichen „Sinn von Leid“. Im Verlauf des Tages zeigte sich, dass sich Ärzte und Pfarrer mehr als nur „die Klinke in der Hand“ geben können: Das Interesse an den anderen Berufsgruppe und deren Fragen – die sich sehr stark ähneln – war groß.

„Die Professionen sind sehr eng miteinander verbunden, stellte ein Teilnehmer fest“. „Man teilt viel Ratlosigkeit“, bemerkte eine Theologin. „Menschen erwarten Gesundheit von mir als Arzt“, fasste ein Mediziner zusammen. Das berge eine hohe Verantwortung. „Die können wir nicht alleine tragen. Und selbst, wenn es ganz schlecht aussehe, seien die Hoffnungen seitens der Patienten dennoch da. „Wir brauchen deshalb einen zweiten Stuhl der Hoffnung!“, der da ist, wenn aus medizinischer Sicht keine Hoffnung mehr besteht, wünschte sich ein Kardiologe.

Auch einen Raum für die eigene Trauer brauche man, die komme sonst im Alltag bei beiden Berufsgruppen zu kurz. Man wünsche sich so etwas wie eine „professionelle Nähe, die sowohl die eigenen Gefühle und Empathie zulässt, als auch das professionelle Herangehen an die Krankheit ermöglicht.“ Einig waren sich die Teilnehmenden in Oestrich-Winkel, dass man dieses Format unbedingt fortsetzen wolle. Vielleicht dann mit dem Thema „Menschen fit machen für den ersten Tag im letzten Jahr des Lebens.“ Christian Weise

Zum Foto (rechts oben):
Das Referenten-Team (von links): Dr. Linda Fendel, Dr. Bernd Wagner, Dr. Thomas Mainka, Beate Jung-Henkel, Dr. Bernd Oliver Wagner, Propst Oliver Albrecht. Fotos: Weise

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