Dem Volk aufs Maul geschaut: Luther-Ausstellung in Bad Ems

thumb_1a-beluther091015spieluhr_becrima-BAD EMS. (19. Oktober 2015) „Dr. Martin Luther und seine Zeit“ heißt eine Ausstellung, die am Wochenende im Museum der Stadt Bad Ems (Römerstraße 97) eröffnet wurde. Zu sehen sind Exponate, die Pfarrer Wilhelm Schmidt, Stiftungsvorsteher des Diakoniewerks Friedenswarte, in den vergangenen Jahrzehnten zusammengetragen hat und die sehr anschaulich die Geschichte der Reformation deutlich machen.

thumb_1a-beluther091015ackerm_becrima-Gern habe die Stadt das Museum als Raum für die Schau geöffnet, begrüßte der Erste Beigeordnete Frank Ackermann die vielen Besucher der Vernissage. Schließlich habe Luther zu einem Umbruch beigetragen, wie es heute wohl Facebook und soziale Netzwerke täten. Mit besonderem Gefallen wies er auf die Playmobil-Figur von Luther hin, mit der auf den 500. Jahrestag des Thesenanschlags im Jahr 2017 aufmerksam gemacht wird. Die Figur erzielte einen neuen Verkaufsrekord beim Spielzeughersteller: die erste Auflage von 34.000 Stück war binnen drei Tagen ausverkauft.

Rekordverdächtig war auch die Übersetzungsleistung Luthers, wie Historikerin Ute Brand-Berg veranschaulichte. Sie referierte über die Entwicklung der deutschen Sprache ab dem 4. Jahrhundert, die Lautverschiebungen, die Entstehung der Kanzleisprache und die Dialekte. Dann rief sie detailreich in Erinnerung, wie umfassend Luthers Weg der Bibel-Übersetzung im Vergleich zu anderen war.

thumb_1a-beluther091015brand_becrima-Ein Sendbrief vom Dolmetschen habe Luthers Intension einer interpretierenden Übersetzung deutlich gemacht. „Der Text sollte leicht verständlich sein!“, so Brand-Berg. Auch der Musiker Luther sei darin erkennbar, damit auch das Auge beim Lesen nicht ins Stolpern kommt. „Das ist die Poesie in Luthers Sprache.“ Auch wenn Luther nicht die deutsche Sprache erfunden habe, „so verdanken wir Luther doch eine über Jahrhunderte tragfähige moderne Hochsprache“. Vom Publikum gab es viel Beifall, von Frank Ackermann einen Blumenstrauß für das interessante Referat.

thumb_1a-beluther091015saalquer_becrima-Dem Blick auf die Sprache folgte der auf die Exponate: Schriften, Gemälde, Figuren, Medaillen und Alltagsgegenstände wie Backformen, Teller, Krüge und andere Gefäße mit Luthers Konterfei haben Schmidt und Museumsleiter Dr. Jürgen Sarholz im Versammlungsraum des Museums zusammengestellt. Sie stammen aus dem 16. bis 20. Jahrhundert, dokumentieren die Wirkungsgeschichte des Reformators und die Luther-Verehrung. Texttafeln machen mit der Bedeutung der Renaissance vertraut, Luthers Elternhaus, seiner Entwicklung, Studium und Schriften, aber auch mit seinen Vorbildern, Zeitgenossen, Freunden und seinem Vermächtnis.

thumb_1a-beluther091015psalm_becrima-thumb_1a-beluther091015burg_becrima-Da wird an Johannes Hus erinnert sowie den Maler Lukas Cranach, dem die Welt eine gewisse Kenntnis über Luthers Aussehen verdankt. Außerdem weisen die Texte auf Luthers bedeutende Wegbegleiter hin wie Philipp Melanchthon oder den Kantor Johann Walter, Herausgeber des ersten evangelischen Gesangbuchs. Schmidt greift den Einfluss damaliger Fürsten für die Reformation auf und spart Luthers umstrittene Haltung während der Bauernkriege und seine Judenfeindlichkeit in seiner Ausstellung ebenso wenig aus. Auch die Reformation an der unteren Lahn im Bereich von Bad Ems und Umgebung wird auf den Tafeln aufgegriffen.

Ein amüsanter Hingucker sogar mit aktuellem Bezug: eine antipäpstliche Bildpolemik. Die Frage was Satire darf oder nicht wurde bereits im 16. Jahrhundert diskutiert. Auf dem Gemälde eines unbekannten Meisters wird Luther im Kräftemessen mit dem Papst gezeigt. Um die gespannten Nacken ist eine Seilschlaufe gelegt, mit der jeder versucht, den anderen „über den Tisch“ zu ziehen. Im Munthumb_1a-beluth091015alvschmidt_becrima-d tragen sie jeweils Schreibfedern, zwischen ihnen die aufgeschlagene Heilige Schrift.

Wilhelm Schmidt selbst widmete die Ausstellung den Diakonissen, habe Luther doch gesagt, dass das Wesen eines Christenmenschen in Glaube und Liebe besteht, wie es Diakonie und Caritas tun. Auch an musikalische und pädagogische Weichenstellungen Luthers erinnerte der Theologe, dessen Sammelleidenschaft als Schüler geweckt wurde. Damals entdeckte er im Sperrmüll eine zerfledderte Bibel, gedruckt im Jahr 1546, dem Todesjahr Luthers.

thumb_1a-beluther091015fidel_becrima-Musikalisch anspruchsvoll umrahmten Christiane Schmidt und Gudrun Jeggle aus Frankfurt auf Fideln die Vernissage; auch die Ursprungsversion von Luthers bekanntestem Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ durfte dabei nicht fehlen. Bernd-Christoph Matern

 

Bis zum 1. November ist die Ausstellung dienstags bis freitags, sonn- und feiertags von 14 bis 17 Uhr zu  besichtigen.

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