NASSAU. (26. April 2016) Falls sie es merken, freuen sich die Menschen, wann immer ihnen ein Engel begegnet. Und mancher der Gottesboten erfreut sogar das Herz, wenn er nicht aus Fleisch und Blut ist. So erging das jetzt Pfarrer Stefan Fischbach und den Mitgliedern des Kirchenvorstands der evangelischen Kirchengemeinde Nassau, als sie den alten Kirchturm durchforsteten und auf einen Engel stießen.
Die sehr schwere steinerne Engelsbüste, die dort zum Vorschein kam, krönte einst mittig die alte Orgel aus dem Jahr 1883. Die Halbfigur hat zum Beten gefaltete Hände, die zwar abgebrochen sind, aber noch exakt auf die Bruchstelle passen. „Vom Gewicht her ist das schon außergewöhnlich, dass eine solche Figur sich oben auf der damaligen Orgel befand“, sagt Fischbach, als er das auf der Empore stehende Symbol des Gottesboten zeigt. Aber der Vergleich mit alten Fotos von Kirche und Orgel zeige eindeutig, woher das hinter Holzwänden versteckte Schmuckstück stammt.
Der passionierte Historiker, der im vergangenen Herbst die Nassauer Pfarrstelle übernahm, hatte beim Blättern in der Kirchenchronik gelesen, dass nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 die damalige Orgel im beschädigten Kirchenschiff abgebaut und im Turm eingelagert wurde. Also begab sich der Theologe mit dem Kirchenvorstand auf Spurensuche in dem alten Gemäuer. Von der alten Orgel fand sich nichts, dafür neben dem Engel aber noch eine Vase aus Ton, die seitlich die alte Orgel verzierte. „Beim Wiederaufbau 1950 war wohl alles von der Orgel unbrauchbar und weggeworfen worden“, so Fischbach.
Damit nicht genug: Zum Vorschein kamen auch noch drei andere historisch interessante Tafeln aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Die Größe von 1,60 mal 1,50 Meter machte allerdings eine Bergung bislang nicht möglich: zu groß, um sie unbeschadet über den heutigen Treppenaufgang hinunter zu transportieren. Nur eine Tafel, deren Rahmen beschädigt war, hat bereits den Weg nach unten gefunden. Sie wurde 1881 angefertigt und trägt die Namen von drei Gefallenen des Kirchspiels aus dem deutsch-französischen Krieg 1870/71.
„Die beiden anderen Tafel wurden der Kirche von Veteranen-Vereinen gestiftet“, so Fischbach. Die eine trägt die Namen von Veteranen aus Nassau, die andere von solchen aus Scheuern und Hömberg. „Die Namen der Veteranen von 1848, 1864, 1866 und 1870/71 wurden hier immer erst nach ihrem Tod aufgebracht mit dem Sterbedatum.“ Den ursprünglichen Standort bezeugt auch in diesem Fall wieder ein altes Foto von 1917. „Auf dem hängen die beiden Tafeln noch an der Orgelempore. Das Foto macht auch deutlich, dass die Namen auf den Tafeln später aus Platzgründen neu angeordnet werden mussten.“
Andere historische Fundstücke wurden im Turm über der Taufkapelle entdeckt wie Bruchstücke von Figuren aus den 1920er Jahren, die bis 1945 den Kanzelkorb schmückten; außerdem zwei große weiße Marmor-Figurenfragmente von der Bekrönung des großen Stein'schen Denkmals in der Kirche sowie ein Figurenfragment aus Stein mit einem Arm und einer Taube oder einem Adler. „Letzteres konnten wir aber noch nicht zuordnen“, so Fischbach.
Was mit den Funden geschehen soll, ist noch nicht entschieden. Der Engel der alten Orgel soll aber voraussichtlich wiederhergestellt und dann einen Platz in der Taufkapelle finden. Immerhin stellt er ein mehr als beliebtes religiöses Symbol dar im Judentum wie unter Christen und Muslimen. Allein in der Bibel taucht der Begriff „Engel“ 303 Mal auf. (bcm)
Zu den Fotos:
Historische Funde wie diesen schweren steinernen Engel, der einst eine Orgel der Johanniskirche krönte, entdeckten Pfarrer Stefan Fischbach und Mitglieder des Kirchenvorstands im alten Gemäuer des evangelischen Gotteshauses. Engel und Tafel wurden zur Empore hinunter bugsiert. Fotos: Matern
