"Siehe das ist
Gottes Lamm,
das der Welt
Sünde trägt!"
Johannes 1, Vers 29
RHEIN-LAHN. (25. März 2016) Gewalt und Hass scheinen mehr denn je in der Welt um sich zu greifen. Da ist nicht nur der Terror islamistischer Fanatiker, der barbarisch und von Allah völlig verlassen unschuldige Menschen ermordet. Da fühlen sich auch in Westeuropa immer mehr sozial Schwache animiert, ihre Zukunftsängste in hässlichsten Aggressionen an noch schwächeren Menschen wie etwa Flüchtlingen abzureagieren, die ums nackte Überleben kämpfen. An Biedermännern, die den Hass auf Fremdes und Fremde auf beiden Seiten noch befeuern und zu Brandstiftern im wahrsten Sinne werden, hat es der Menschheit noch nie gemangelt.
Wer nicht wusste, was 1933 in Deutschland geschah, erhielt in den vergangenen Wochen und Monaten traurig praktischen Anschauungsunterricht und eine Ahnung davon. Damals waren es jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, heute sind es fremd wirkende Menschen und Flüchtlinge, denen Hass und Gewalt entgegen schlägt. Wie sich Kinder fühlen müssen, die von einer brüllenden Meute bedroht werden? Und auf der anderen Seite sieht sich die freie Welt von Hasspredigern und feigen Selbstmordattentätern bedroht, die alles zerstören, was nicht in ihr mittelalterliches und patriarchalisches Weltbild passt. Religion wird dabei vor den machthungrigen Karren gespannt.
Aber was hat das alles mit Karfreitag zu tun? Jesus ging es in seinem Leiden und Sterben ähnlich. Er passte nicht in geltende Normen, hat sich in seinem Leben denen zugewandt, die ausgegrenzt und verfolgt wurden. Sein Todesurteil wurde vom brüllenden Mob, nicht von Pontius Pilatus gesprochen, der bekanntlich seine „Hände in Unschuld wusch“, weil er im Handeln Jesu nichts Unrechtes erkennen konnte. Der Staat knickte ein vor Hass und Wut-(Bürgern), die immer lauter brüllten „Kreuzige ihn!“
Der Blick auf den gekreuzigten Jesus erinnert nicht an eine alte historische Begebenheit. Er offenbart aller Welt unsere größten menschlichen Schwächen mitten im 21. Jahrhundert nach Christi Geburt: Egoismus und Neid, die in Hass und Gewalt umschlagen. Natürlich steht das Kreuz für Christen als Zeichen dafür, es Jesus gleich zu tun und Schwachen und Verfolgten beizustehen. Es sind nicht die Religionen, sondern es ist die immer größere Kluft zwischen Arm und Reich auf der Welt, die der Gewalt Vorschub leistet.
Und natürlich ermutigt uns das Kreuz, das in Europa in den vergangenen 70 Jahren gewachsene zarte Pflänzchen Zivilisation und Menschlichkeit zu bewahren. Aber das scheint so schwer wie vor 2000 Jahren. Scheitern wir Christen angesichts der Millionen Hungertoten nicht schon seit Jahrzehnten Tag für Tag an diesem Anspruch? Und sind wir – Christen wie Nichtchristen – wirklich besser und konsequenter als Jesu' Jünger Petrus, der im Angesicht des Todes damals doch am Ende seinen besten Freund verleugnete?
Spüren wir im Gegenteil nicht sogar auch Hass und Aggressionen in uns wachsen, wenn wir sehen, wie kaltherzig mit Flüchtlingen umgegangen wird und wie kaltblütig und abscheulich islamistische Fanatiker Terror und Angst säen? Wie kann in einer polarisierenden Medienwelt Menschlichkeit oder gar Nächstenliebe gedeihen? Wie, wenn Machtinteressen die Nationen leiten und wenn Radikalisierung und Zynismus die politische Diskussion innerhalb vermeintlich zivilisierter Nationen beherrschen?
Der Blick auf den gekreuzigten Jesus erinnert auch an dessen letzten Worte: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“. Wer von uns kann so für seine Peiniger beten? Vielleicht wäre es einen Versuch wert, diese Worte zu verinnerlichen für den Beginn in eine friedlichere Zukunft im 21. Jahrhundert?
Aber die Erinnerung an Karfreitag ist für Christen weitaus mehr als die Erinnerung an ein Vorbild an Menschlichkeit. Am Ende ist und bleibt der Blick auf den gekreuzigten Jesus für Christen ein Zeichen der Hoffnung in einer von Schuld geprägten Welt. Für sie ist der Gekreuzigte Gottes Sohn und als solcher das oben beschriebene „Lamm, das der Welt Sünde trägt“. Der Blick zum Kreuz ist auch der Blick auf Ostern, die Auferstehung Jesu, mit der Gewalt, Hass und Tod überwunden werden, das ganz persönliche Leid wie das der ganzen Welt. Nur dies lässt Christen nicht an persönlichem Leid und dem Grauen in der Welt, das sich nicht erst und nur in Flüchtlingskrisen und fanatischem Terror offenbart, zerbrechen und verzweifeln. Es macht ihnen vielmehr Mut, ein fröhliches Fest des Lebens zu feiern und diese frohe Gewissheit mit ihrem Leben und Handeln an Andere weiterzugeben.
Bernd-Christoph Matern
Zum Foto:
Das Fenster von Rudolf Fuchs hinter dem Altar in der evangelischen Johanniskirche in Nassau erinnert ans Leiden und den Kreuzestod Jesu. Es steht für das Leid jedes einzelnen Menschen und der ganzen Welt, das für Christen der Sohn Gottes auf sich genommen hat.
