Kirchen kommen an Heilig Abend an ihre Kapazit?tsgrenzen

thumb_10-kirchgangweihnacht09RHEIN-LAHN. (23.Dezember) Mehr als 2000 Menschen besuchen durchschnittlich jeden Sonntag die evangelischen Gottesdienste in den Kirchengemeinden der Dekanate Diez, Nassau und St. Goarshausen. Am Heilig Abend wird es mehr als das Zehnfache an Besuchern sein. Die Kirchen geraten an ihre Kapazitätsgrenzen. Der Heilig-Abend-Gottesdienst hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zum beliebtesten Kirchgang im ganzen Jahr entwickelt.

thumb_10-vollekirche09In größeren Gemeinden werden schon länger zwei und sogar drei Gottesdienste angeboten, um zum Einen dem „Ansturm“, zum Anderen aber auch den unterschiedlichen Bedürfnissen der Kirchgänger gerecht zu werden. Ein Beispiel: die evangelische Kirchengemeinde Klingelnbach.

Was den Besuchern Ruhe, Freude und Besinnlichkeit bescheren soll, bedeutet für die Akteure Großeinsatz. Grund zum Klagen über das wachsende Gottesdienstinteresse sieht Pfarrer Jürgen Wieczorek keineswegs, obwohl ihm neben der Alltagsarbeit dieses Jahr noch ein ganz besonders langes Wochenende mit sieben Gottesdiensten bevorsteht; ganz im Gegenteil: „Als ich vor fünf Jahren in die Gemeinde kam, gab es an Heilig Abend nur zwei Gottesdienste“, erinnert sich Wieczorek. „Das war für die Kinder zu lang und langweilig, den Älteren zu unruhig.“

Jetzt bietet er drei mit jeweils anderem Charakter an; den Familiengottesdienst, in dem ziemlicher Trubel herrscht, die klassische Christvesper mit nachdenklich stimmender Predigt und die Mette bei Kerzenschein für Menschen, die sich nach Stille sehnen. „Ich bereite die Gottesdienste ja auch nicht allein vor“, sagt der Theologe. Krippenspiel der Kinder, Anspiel der Konfirmanden und die Mitwirkung von Posaunenchor und dem Chor „Cantemus“ verteilen die Arbeit der Gestaltung auf viele Schultern, „und liefern in der Vorbereitungszeit obendrein zahlreiche Gedanken und Anregungen für die Predigten und Textbausteine der Gottesdienste“, so Wieczorek, mit denen auch dieses Jahr wieder rund 900 Menschen am Heiligen Abend das Evangelium von der Geburt des Gottessohnes nah gebracht wird.

Überlegenswert findet er, inwieweit der Gottesdienst am Weihnachtsfeiertag selbst noch sinnvoll ist, wenn die Bevölkerung den Vorabendgottesdienst immer mehr zu ihrem „Weihnachtsgottesdienst“ macht. „Salopp gesagt ist das so ähnlich wie wenn jemand in seinen Geburtstag reinfeiert und am Geburtstag alle Gäste noch einmal kommen.“ Diese Entwicklung unterstreichen auch die statistischen Zahlen der evangelischen Dekanate Diez, Nassau und St. Goarshausen.

Seit zehn Jahren wächst der Besuch an Heilig Abend. Mit knapp 22000 Menschen besuchten im vergangenen Jahr zwar erstmals wieder weniger Menschen die Heilig-Abend-Gottesdienste der evangelischen Kirchengemeinden, das sind aber immer noch deutlich mehr als vor 20 oder 30 Jahren. 1980 lag die Zahl kreisweit noch unter 20000, vor zehn Jahren bei gut 21000.

Festzustellen ist, dass die Besucherzahl an anderen Sonntagen im Durchschnitt stetig abnimmt. So schrumpfte die Zahl von Besuchern der Karfreitags-Gottesdienste, dem eigentlich höchsten Feiertag im Kirchenjahr, in den drei Rhein-Lahn-Dekanaten von 7300 im Jahr 1980 auf 3800 im vergangenen. Ob solche Zahlen etwas über Kirchlichkeit oder Gläubigkeit der Menschen aussagen, ist eher fraglich. Mehr Leute als früher nutzen Feiertage und lange Wochenenden für Reisen, die sich vor 30 Jahren kaum jemand leisten konnte.

Der Heilig-Abend-Boom kann aber durchaus als Zeichen für die wachsende Sehnsucht der Menschen nach Orientierung und bleibenden verlässlichen Werten interpretiert werden. Und vielleicht lässt sich ja mancher Besucher an Heilig-Abend dazu anregen, dass er das auch an einem normalen Sonntag erleben kann.
Bernd-Christoph Matern

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