Nach ?bernahme ist Job weg: Advent startet mit Hartz IV

MIEHLEN/RHEIN-LAHN. (16. Dezember 2010) Auch wenn die Arbeitslosenzahlen rückläufig sind: Für Menschen, die unverschuldet den Job verloren haben, ändert das nichts an ihrer Situation. Ein Beispiel: Frank Ringel aus Miehlen. Seine Arbeit verlor er im Zuge einer weit verbreiteten Entwicklung: Unternehmen wechseln den Eigentümer.

Für viele Traditionsbetriebe ist ein Verkauf oft letzter Rettungsanker vor der Pleite. Allein im Krisenjahr 2009 meldeten nach Angaben der IHK Koblenz 1382 Firmen in Rheinland-Pfalz Insolvenz an. 9970 Beschäftigte, insbesondere der Baubranche, waren davon betroffen. Welche Schicksale damit oft verbunden sind, lässt sich aus den Handelsregister-Anzeigen nicht ablesen.

thumb_1a-frankringelsuchtarbeitFrank Ringel steht keine schöne Weihnacht bevor. Er sucht seit mehr als einem halben Jahr intensiv nach neuer Beschäftigung. Die ehemalige Firma des 49-Jährigen, in der er fast 20 Jahre als Stapler-Fahrer in der Produktion arbeitete, hatte den Besitzer gewechselt – er die sicher geglaubte Stelle verloren. „Es war eigentlich gang und gäbe, dass ich jedes Jahr im Winter eine Kündigung bekommen habe“, erzählt der gelernte Heizungsbauer, der bereits seit Anfang der 80er Jahre im Westerwald als Maschinenführer in der Ton verarbeitenden Industrie arbeitete, die ersten zehn Jahre in Ransbach-Baumbach, von 1990 bis zum vergangenen Jahr in Wirges. „Im Winter gab es keine Arbeit, dafür wurde zwei, drei Monate später wieder tüchtig rangeklotzt“, erklärt der Miehlener, der auch in der Hochsaison im Vertrieb bei ad hoc angeordneten Überstunden stets ohne Murren am Arbeitsplatz erschien.

Der alljährlichen Kündigung maß er deshalb auch im vergangenen Jahr keine Bedeutung zu. Ein Fehler wie sich zeigte. Im neuen Jahr war die Firma verkauft. „Um eine Kündigung anzufechten, bedarf es sofort einer Kündigungsschutzklage“, erklärt Ringels Anwalt Lothar P. Bindczeck aus Miehlen. „Aber Hand aufs Herz: Wer macht das schon, vor allem, wenn das Wort des Chefs 19 Jahre lang Bestand hatte und die Arbeitskraft nach der Winterpause reibungslos immer wieder angefordert wurde?“, sagt der Rechtsanwalt und weiß, dass es sich bei Ringel – gerade in der Baubranche – um keinen Einzelfall handelt.

Und sicher hätte der jetzt arbeitslose Arbeiter aus Miehlen den Wechsel zwischen winterlicher Kündigung und frühlingshafter Wiedereinstellung noch unbekümmert bis ins Rentenalter fortgesetzt, wäre da nicht die Übernahme des einstigen Familienbetriebs durch eine international agierende Firmengruppe dazwischengekommen. „Anfang des Jahres hatten die mich zum Gespräch eingeladen und gesagt, sie würden sich dann wieder melden, wenn es Arbeit gibt“, erinnert sich Ringel. Doch darauf wartete er vergeblich. Als er im Mai einen zehn Jahre jüngeren Ex-Kollegen traf, der in der neuen Firma weiterarbeitete, kam es ihm vor, als habe der neue Konzern die Gunst der Stunde genutzt, einen Mitarbeiter weniger beschäftigen zu müssen, mutmaßt der 49-Jährige. „Das kann nicht richtig sein“, ist Ringel enttäuscht.

Er ließ den Kopf nicht hängen. Vielmehr griff er nach 30 Berufsjahren wieder zu Papier und Computer, um sich um eine neue Arbeitsstelle zu bewerben. Zig potenzielle neue Arbeitgeber hat er bereits angeschrieben. Sein Groll auf die Wirkungen der Übernahme ist geblieben.

Den teilt auch Mattias Metzmacher, Pfarrer für gesellschaftliche Verantwortung der evangelischen Kirche an Rhein und Lahn. „Dass die Globalisierung und die damit verbundene Übernahme von Unternehmen mit der Entlassung langjähriger Mitarbeiter verbunden ist, kenne ich auch aus dem Rhein-Lahn-Kreis“, sagt der Theologe und Diplompsychologe. Gerade langjährige und damit auch teurere Mitarbeiter fielen den schön formulierten „Restrukturierungen“ zum Opfer, würden „freigesetzt“. „Für die Betroffenen bedeuten noch so schöne Umschreibungen für ihre Entlassung vor allem eine starke psychologische Belastung“, weiß Metzmacher aus vielen Gesprächen. „Man glaubt sich eigentlich durch ein hohes Maß an Erfahrung und Routine in Sicherheit – und in diesem Moment ist es, als würde einem der Boden unter den Füßen weggezogen.“

Vielen fehle es dann an Selbstbewusstsein, in solchem Alter nach neuen Arbeitsplätzen zu suchen, wohl wissend, dass das erworbene Know-how von der Wirtschaft kaum noch geschätzt wird. Da brauche es eines starken familiären Umfelds oder Freundeskreises, um sich wieder zu motivieren, nach neuer Arbeit Ausschau zu halten. „Ganz gleich wie die juristische Seite aussehen mag: Es ist ein Skandal wie da mit Menschen umgegangen wird“, sagt Metzmacher. Und weil immer mehr Menschen in ihrem Umfeld Zeugen solcher Schicksale würden, wachse bei Arbeitnehmern die Angst, den Arbeitsplatz ebenfalls zu verlieren und am Ende selbst auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein.

Frank Ringel hilft das Anprangern solcher Entwicklungen nicht wirklich weiter. Der 49-Jährige steckt den Kopf nicht in den Sand. „Ich bin recht zuversichtlich wieder Arbeit zu finden, schließlich weiß ich, was ich kann und habe noch nie Angst vor der Arbeit gehabt.“ Bernd-Christoph Matern

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