RHEIN-LAHN. (15. November) „Wir müssen auch mal innehalten können.“ Mit diesen Worten begründete DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger nicht nur die Absage des Fußball-Freundschaftsspiels gegen Chile nach dem Tod von Nationaltorhüter Robert Enke. Er brachte mit diesem Satz auch ein Dilemma auf den Punkt, unter dem heutzutage viele Menschen leiden, die einen wissentlich, die anderen haben es als Problem noch gar nicht erkannt. Innehalten, um Geschehnisse auf sich wirken zu lassen, sie innerlich zu verarbeiten (statt „nur oberflächlich“, wie Zwanziger sagte) oder sogar Lehren für die Zukunft und das künftige Zusammenleben aus ihnen zu ziehen – diese Fähigkeit wird in einer schnelllebigen Zeit zur Mangelware. Nicht nur die kommenden November-Gedenktag geben Gelegenheit zum Innehalten.
Wenn tausende Menschen im Rhein-Lahn-Kreis an diesem Sonntag der Toten der Kriege gedenken – die meisten davon mit kirchlicher Beteiligung – dann ist der Blick zurück, auf deren Gräber und Gedenksteine keine nostalgische Traditionsveranstaltung, sondern die Gelegenheit, beim Innehalten darüber nachzudenken, was jeder Einzelne von uns heute und morgen dafür tun oder auch lassen kann, um Kriege, Hass und Gewalt zu verhindern.
Dabei sind sicher nicht nur Worte, Gedanken und Taten gefragt, die die großen politischen Krisenherde betreffen, sondern ebenso der Blick auf das Verhalten in der Familie und Nachbarschaft. Beginnen Gewalt und Kriege erst in Parlamenten? Oder wird der Grundstein für gewaltsame Auseinandersetzungen nicht vielmehr in den Köpfen und Herzen der Menschen gelegt, in der Familie und vor jeder Haustür? Das hat gerade wieder der Jahrestag der zerstörerischen Kraft der Judenpogrome in Erinnerung gerufen, bei denen das Hab und Gut von Nachbarn zerstört und von einer schweigenden Mehrheit geduldet wurde.
Zum Innehalten gibt nicht nur der Volkstrauertag, der kommende Buß- und Bettag am Mittwoch sowie der Toten- und Ewigkeitssonntag Gelegenheit. So wie jede Trauerfeier – ob für sehr bekannte oder weniger bekannte Personen – nicht allein ein Blick auf das beendete Leben des Verstorbenen ist, sondern in erster Linie ein Innehalten, Nachdenken und Zukunftsblick für die lebenden Teilnehmer ermöglichen soll, so wichtig sind die Ruhephasen, die sich jeder Mensch im Alltag selbst gibt, ohne dass es dafür der Gedenktage und Schreckensmeldungen bedarf.
Wie jeder Sonntagsgottesdienst, jedes Morgen-, Tisch- oder Abendgebet ein Innehalten darstellt, so kann es auch ein Spaziergang tun. Oder aber auch die Zeit für ein Gespräch mit dem Nachbarn, den womöglich mehr beschäftigt und kränkt als wir im Vorübergehen wahrnehmen können. In einer Reihe von musikalischen Veranstaltungen, die in den Rhein-Lahn-Dekanaten und Kirchengemeinden in den kommenden Wochen angeboten werden, besteht ebenfalls die Möglichkeit zum Innehalten. Wo in Ihrem Dekanat oder Ihrer Kirchengemeinde Konzerte und andere besondere Veranstaltungen angeboten werden, zeigt Ihnen der Veranstaltungskalender dieser Website. Bernd-Christoph Matern
