RHEIN-LAHN. Mehr Solidarität und Gerechtigkeit von der Politik für die Gemeinden im ländlichen Raum hat Maren Heincke, Referentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) während der Regionaltagung des Bundes Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Bad Ems gefordert. Die Referentin für den ländlichen Raum war eine von acht Referenten, die der BUND zur Tagung unter dem Motto „Leben auf dem Lande – Impulse für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung“ eingeladen hatte.
„Wenn wir bei diesem Thema ,weiter so´ sagen, verbauen wir uns ganz wörtlich die Zukunft“, erklärte Monika Becker, Vizepräsidentin der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord, als sie die Tagung in Bad Ems eröffnete. 100 Hektar Fläche würden jeden Tag in Deutschland verbaut, allein in Rheinland-Pfalz eine Größe von sechs Fußballfeldern. Und das, während die Bevölkerungszahl stetig schrumpfe. Zahlen, mit denen Becker den Handlungsbedarf in Sachen Siedlungsentwicklung deutlich machte.
Die Zersiedelung hat nach Beckers Einschätzung weit reichende ökonomische, soziale und ökologische Konsequenzen, die auch bei Finanzreformen, Förderprogrammen und im Bau- und Planungsrecht Berücksichtigung finden sollten. Die unbedarfte Ausweitung von Wohn- und Gewerbegebieten sorgt laut Becker auch für langfristige Infrastrukturkosten.
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„Wir müssen den Erhalt von Ortskernen, nicht die Ausweitung von Wohn- und Gewerbegebieten fördern“, forderte BUND-Landesvorsitzender Bernhard Braun. Journalist Andreas Pecht sah im Rückgang der deutschen Bevölkerung angesichts weltweiter Überbevölkerung nicht die viel zitierte Katastrophe, sondern eher eine Chance: „Das bedeutet zehn Prozent weniger Flächenverbrauch und Landschaftszersiedelung oder zehn Prozent weniger Schüler pro Lehrer.“
Dem widersprach Ludwig Böckmann vom Statistischen Landesamt; weniger die sinkende Einwohnerzahl sei das Problem als vielmehr die Überalterung. „Ab 2030 wird der Anteil der über 60-Jährigen im Rhein-Lahn-Kreis von jetzt 25 auf 34 Prozent ansteigen“, so der Statistiker, der den demografischen Rahmen für die Entwicklung der Landgemeinden im Kreis skizzierte. Stieg die Bevölkerungszahl zwischen 1970 und 2005 noch um sechs Prozent, fällt sie bis 2015 um vier, bis 2050 sogar um 14 Prozent.
Für einen Ausgleich der Flächenbilanz sprach sich Klaus Brunsmeier vom BUND Nordrhein-Westfalen bei Neuansiedlungen oder Erweiterungen aus. „Was an einer Stelle neu hinzukommt, muss anderswo eingespart werden.“ Bei der Ausweisung von Gewerbegebieten bedürfe es einer stärkeren Zusammenarbeit unter den Kommunen statt einer Konkurrenz.
Zu mehr interkommunaler Zusammenarbeit rief auch EKHN-Referentin Maren Heincke auf, sei es bei der Ausweisung von Gewerbegebieten oder wenn es darum gehe, die Daseinsvorsorge oder die Pflege alter Menschen zu organisieren. „Wir müssen bereit sein, aus Gründen der Solidarität und Gerechtigkeit mehr in den peripheren Raum zu investieren“, so Heincke. Dies verlange aber auch ein faires Streiten und Verhandeln ab. Die EKHN-Synode habe beispielsweise jüngst beschlossen, dass die Bemessungsgrundlagen von Landgemeinden anders aussehen müssten als die von städtischen Gebieten. Gleichzeitig müsse in der Region stärker über den eigenen Kirchturm geblickt werden.
Ganz praktisch ging es am Nachmittag zu. Rainer Korn von der Kreisverwaltung Rhein-Lahn erläuterte die Dorferneuerungsförderung des Landes, Patrick Weyand, Architekt und Planer, die Förderung von Konzepten und Maßnahmen in der Verbandsgemeinde Wallmerod (Westerwaldkreis), und Planer Bernhard Backes stellte die Dorferneuerungsgemeinde Duchroth (Kreis Bad Kreuznach) vor. Jörg Menz und Andreas Pfeifer aus Katzenelnbogen präsentierten schließlich Sanierungsobjekte im Kern von Gemeinden unter dem Motto „Leben im alten Neubau – mittendrin“. (bcm)
