Erntedank bei Tafel: F?r Gerechtigkeit eintreten

thumb_1erntedank1RHEIN-LAHN/NASTÄTTEN. „Tafeln mit diakonischer Beteiligung haben einen doppelten Auftrag: Es gilt, die praktische Arbeit zu organisieren und gleichzeitig für gerechte Verhältnisse einzutreten.“ Das sagte der Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werkes in Hessen und Nassau (DWHN), Pfarrer Dr. Wolfgang Gern, als er während einer Erntedank-Feier der „Nastätter Tafel“ sprach. Im April wurde in der Taunusstadt die Ausgabestelle von Lebensmitteln für Empfänger von Arbeitslosengeld II eröffnet, nach Diez die zweite im Rhein-Lahn-Kreis. Am 8. November wird die Koblenzer Tafel eine Ausgabestelle in Lahnstein für die Stadt und für die Verbandsgemeinde Braubach eröffnen.

Gern, der gleichzeitig Sprecher der Nationalen Armutskonferenz ist, dankte den ehrenamtlichen Helfern der Tafel für ihr Engagement, das ein Zeugnis für mitmenschliches Handeln sei. Allein in den DWHN-Grenzen setzten sich 900 Menschen freiwillig für die Tafeln ein. Tafeln seien ein „Guckloch in die Gesellschaft“, so Gern. Das christliche Motto einander zu dienen dürfe aber kein Ersatz sozialen politischen Handelns sein, so Gern weiter.

Obwohl Deutschland nie so reich gewesen sei wie heute, müssten sich täglich etwa 700.000 Menschen an Tafeln wenden, weil sie nicht genug Geld zum Leben hätten. „Zehn Prozent der deutschen Bevölkerung haben 50 Prozent des Geldvermögens in der Hand“, erklärte der DW-Chef, der sich auch für einen Mindestlohn aussprach. „Arbeit darf es nicht um jeden Preis geben, sie muss die Existenz sichern“, so Gern.

thumb_1ed4pommerenkeDafür nannte Ulrike Pommerenke, Leiterin des Diakonischen Werks Rhein-Lahn, zu Beginn des Erntedank-Empfangs Beispiele. „Es kann nicht sein, dass eine allein erziehende Mutter eine Betreuung für ihre beiden Kinder sucht, weil sie von morgens fünf bis nachmittags arbeiten geht und für diese 48 Stunden pro Woche mit einem Netto-Verdienst von 650 Euro im Monat nach Hause geht.“ Ein Betrag, der mit dem Arbeitslosengeld II noch aufgestockt werden müsse. Pommerenke berichtete auch von einer Rentnerin, die auf die stärkere Brille verzichte, weil sie sich die vom Optiker angebotene Ratenzahlung von 50 Euro nicht leisten könne.

An die Kreispolitiker appellierte Pommerenke, im Sinne der Hartz-IV-Empfänger zu handeln, wenn es etwa um die Frage geht, wie teuer Miete und Wohnung sein dürfen oder wie billig sie sein müssen. Neben den 40 ehrenamtlichen Ausgabe-Helfern dankte Pommerenke evangelischer Kirchengemeinde, Stadt und der Paulinenstiftung, die durch Kristian Brinkmann vom Vorstand und dem stellvertretenden Stiftungsrat-Vorsitzenden Minister Karl Peter Bruch vertreten war, sowohl für die gemeinsame Idee als auch die Unterstützung bei der Verwirklichung der Tafel.

thumb_1ed2wernerNastättens Stadtbürgermeister Emil Werner nannte die Nastätter Tafel einen „ermutigenden Ausdruck des Bürgersinns“, dessen Erfolgsgrund leicht auszumachen sei: „Die Helfer sehen, was sie tun, erfahren, dass ihre Unterstützung ankommt.“ Die Zahl der Helfer beweise, dass es nicht nur Ellenbogen-Mentalität, sondern auch Mitmenschlichkeit und Solidarität in der Gesellschaft gebe. Und neben dem praktischen Nutzen der Lebensmittel sei die Tafel auch ein Ort, wo Menschen Zuwendung und Zuspruch bekämen, die sich sonst ausgegrenzt fühlten, so Werner.

Die Erntedankfeier der Nastätter Tafel hatte mit einem Gottesdienst in der evangelischen Kirche begonnen. Gemeindepfarrer Dr. Martin Breidert hatte in seiner Predigt heftige Kritik an der Hartz-IV-Gesetzgebung geübt, die ihn beschäme und wütend mache. Er fragte konkret, wie etwa einem Jugendlichen für 2,46 Euro am Tag drei Mahlzeiten bereitet werden sollen. „Die Hartz-IV-Sätze in ihrer jetzigen Höhe sind eine Schande in einem Land, dessen 50 reichsten Milliardäre zwischen 20 Milliarden und 1,3 Milliarden Euro besitzen.“ Ein Skandal sei es, dass viele auf ergänzende Hilfe angewiesen sind, obwohl sie acht Stunden am Tag hart arbeiten.

Schon vor zehn Jahren hätten katholische und evangelische Kirche angemahnt, dass nicht nur Armut sondern auch Reichtum ein Thema der politischen Debatte sein müsse. „Der Mangel wird umverteilt, der Überfluss auf der anderen Seite geschont.“ Stattdessen hätten die großen Parteien einträchtig den Spitzensteuersatz gesenkt. Der oft falsch verstandene biblische Satz „Wer da hat, dem wird gegeben“ müsse heute drastisch übersetzt werden: „Wo was ist, scheißt der Teufel noch einen Haufen drauf“, so der Pfarrer. (bcm)

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